Gute Industriearbeitsplätze

Vorteil: Deutschland

Herzenssache: Ordentlich bezahlt, tariflich abgesichert und betrieblich mitbestimmt: Vielerorts sind solche Jobs rar geworden. Nicht so in den Branchen der IG BCE. Die Gewerkschaft will guter Industriearbeit wieder mehr Geltung verschaffen.

Illustration: Markus Köpp

01.06.2018
  • Von: Axel Stefan Sonntag, Sigrid Thomsen, Wolfgang Lenders
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Vielleicht liegt es daran, dass die Dinge schon so lange für uns selbstverständlich sind. Die Zahncreme, die Kopfschmerztablette, der Strom aus der Steckdose, die Glasflasche, die Babywindeln. Alles Produkte, die wir Verbraucher seit Jahrzehnten nutzen und deren Wert wir erst in dem Moment erkennen, wenn sie gerade nicht bereitstehen.

Alles Produkte, die bis heute in Deutschland hergestellt werden. Von Beschäftigten der chemischen, der Glas- oder der Papierindustrie, der Kunststoff- oder der Energiebranche. Von Mitgliedern der IG BCE. Alles Arbeitsplätze, die wertvoll für die Volkswirtschaft sind und die Millionen Familien ernähren. Arbeitsplätze, die in der Öffentlichkeit jedoch mitunter so selbstverständlich geworden sind wie die Produkte, die dort entstehen.

Die Industrie ist bis heute das Zugpferd der deutschen Wirtschaft. Sie steht für 30 Prozent der Bruttowertschöpfung. Frankreich, Großbritannien oder die USA liegen bei nur noch gut 20 Prozent. Deutschland zählt zu den fünf wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt, hat die höchsten Exportquoten pro Kopf. Allein die Chemiebranche verkauft pro Jahr Waren im Wert von mehr als 100 Milliarden Euro ins Ausland.

Dieser Erfolg hat viele Mütter und Väter. Es sind die Beschäftigten, die seit Generationen an Innovationen und Prozessoptimierungen feilen. Die sich für ihre Aufgabe einsetzen, weil sie mitbestimmen und am Erfolg teilhaben können. Eine funktionierende Sozialpartnerschaft, Begegnung auf Augenhöhe, hohe Tarifbindung, starke Betriebsräte mit gewerkschaftlicher Unterstützung sorgen dafür, dass Betrieb und Beschäftigte in dieselbe Richtung rudern.

Das zahlt sich aus. Bis heute ist der produzierende Sektor derjenige mit den höchsten Durchschnittslöhnen. Chemie-, Pharma- und Mineralölbranche liegen zusammen mit der Autoindustrie an der Spitze der Bewegung. Der beste Beweis dafür ist eine volkswirtschaftliche Putzigkeit: Nicht in Deutschlands Metropolen Berlin, München oder Hamburg werden die höchsten Pro-Kopf-Löhne gezahlt, sondern in Wolfsburg, Ludwigshafen oder im Landkreis Altötting. Dort, wo große Konzerne der Metall- und Chemieindustrie das Bild prägen. Nicht nur im Wortsinne, sondern auch ökonomisch.

In Anlehnung an einen bekannten Werbespruch könnte man sagen: Es gibt sie noch, die guten Jobs. Mit angemessener Bezahlung, mit tariflich vereinbarten Zuschlägen, mit weit über den Standard hinausgehenden Regelungen zu Arbeitszeit, Altersvorsorge oder Erfolgsbeteiligung. Qualitätsarbeit, die ihr Geld wert ist.

"Arbeitsplätze in der Industrie bedeuten: gute Löhne, Sicherheit für Familien", sagt der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Sie finanzierten den Sozialstaat und seien das Rückgrat für Deutschlands Wohlstand. "Darum werden wir um jeden dieser Arbeitsplätze kämpfen." Die Gewerkschaft hat deshalb eine Initiative für gute Industriearbeit aus der Taufe gehoben. In diesem Monat startet die IG BCE mit einer Kampagne unter dem Motto: "Wir machen Deutschland gut."

Simone M. Neumann/DGB

Wir machen Deutschland gut: Mit einer Kampagne für gute Industriearbeit will die IG BCE auf die Beschäftigungsbedingungen ihrer Branchen aufmerksam machen. Auf dem Bundeskongress des DGB im Mai in Berlin präsentierte sich die drittgrößte Mitgliedsgewerkschaft des Verbunds mit einem Informationsstand dazu.

Sie soll die Bedeutung der Industriearbeit zurück in den Fokus der Öffentlichkeit bringen. Denn daraus ist sie in den letzten Jahren etwas herausgeraten. "Unsere Jobs sind bis heute Referenz für gute Arbeit", sagt Vassiliadis. "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht zu Exoten werden."

In der Tat ist in der Vergangenheit vor allem die sogenannte atypische Beschäftigung in Deutschland gestiegen. Also geringfügig bezahlte, Teilzeit-, befristete, Leih- oder soloselbstständige Arbeit. Der "Atlas der Arbeit" des DGB rechnet vor, dass die Zahl der atypisch Beschäftigten mit fast 22 Millionen heute fast so hoch liegt wie die der sozialversicherten Vollzeitstellen (fast 23 Millionen). Zum Vergleich: 2003 lag das Verhältnis noch bei gut 15 zu 22 Millionen. Das liegt nicht allein daran, dass deutlich mehr Menschen in Teilzeit arbeiten als früher. Auch alle anderen Formen atypischer Beschäftigung haben zugenommen. Immer weniger Menschen können von ihrem Einkommen leben, geschweige denn Familien ernähren. Zwischen 2004 und 2014 hat sich laut Atlas der Arbeit die Erwerbsarmut im Land verdoppelt. Das ist die Kehrseite des Jobbooms.

Stark gestiegen ist auch die Zahl der Solo-Selbstständigen, die nicht nur volles Risiko bei der Beschäftigung gehen, sondern auch mit Blick auf ihre Altersversorgung. Die sind Dienstleister, die sich über Online-Makler ihre Jobs holen. "Wir brauchen nicht nur starke Gewerkschaften, sondern sie brauchen ein Gegenüber – starke tarif- und verhandlungsfähige Arbeitgeberverbände; und vor allem Betriebe", sagte unlängst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf dem Bundeskongress des Deutschen Gewerkschaftsbundes. "Das bedeutet mehr als Briefkastenadressen mit einem Internetserver irgendwo auf der Welt. Wir brauchen Unternehmen, die im Sinne der sozialen Marktwirtschaft Verantwortung übernehmen."

Wenn die Bundesregierung angesichts einer Rekord-Beschäftigtenzahl das Ziel der Vollbeschäftigung wieder in den Blick nehme, müsse sie diese Entwicklung zur Kenntnis nehmen, sagt IG-BCEVorsitzender Vassiliadis. "Das Ziel kann nicht Vollbeschäftigung mit irgendwelchen Jobs heißen, das Ziel muss gute Arbeit für alle sein."

Das lasse sich jedoch nur erreichen, wenn Industriearbeit wieder stärker wertgeschätzt werde. "Wir brauchen endlich wieder mehr Investitionen. In Bildung, in Infrastruktur, in Fachkräfte", so Vassiliadis. Stattdessen würden Industriebetriebe und -beschäftigte immer häufiger in ihrer Entwicklung eingeschränkt, sähen sich zunehmend Kritik, Regulierung durch den Staat und Widerstand von manchen Nichtregierungsorganisationen und Aktivisten ausgesetzt. "Wer Vollbeschäftigung will, darf die Industrie nicht aus unserem Land treiben", sagt der Gewerkschaftschef. Es brauche mehr Vernunft und Augenmaß statt Ideologie, die keine Rücksicht auf gute Arbeitsplätze nimmt. Das gelte für die Genehmigung von Großanlagen genauso wie für eine sozial verantwortliche Gestaltung der Energiewende. "Ich will, dass Deutschland auch in ein paar Jahren noch ein starker Industriestandort ist", bringt es Vassiliadis auf den Punkt. "Damit wir weiter gute Tarifverträge für unsere Mitglieder machen können."

Beispiele für gute Industriearbeitsplätze:

Thomas Schindel

Björn Gros, Chemikant bei Miro in Karlsruhe

". . . der Gesellschaft etwas zurückgeben"

Schon seit drei Jahren nimmt Björn Gros die Möglichkeit in Anspruch, Teilzeit auf Schicht zu arbeiten.  Während die meisten seiner "Teilzeit-Kollegen" ihre Arbeitszeit nur um rund sieben Prozent reduzieren, schöpft der Chemikant die per Betriebsvereinbarung festgelegten höchstmöglichen 20 Prozent voll aus. Von außen betrachtet ist das für einen 29-jährigen Industriearbeiter eher ungewöhnlich. Für Gros aber ist es die Gelegenheit, sein schon immer vorhandenes soziales Engagement deutlich auszubauen. 2012 begann er, sich beim Kinderhospizdienst Karlsruhe zu verpflichten, "um der Gesellschaft etwas zurückzugeben", wie er betont. "Materiellen Dingen messe ich keinen hohen Stellenwert bei", sagt der Vertrauensmann. Seinen Einsatz für Menschen und speziell für Kinder auf ein paar Wochenstunden zu beschränken, war ihm zu wenig. Auch deshalb, weil für ein Ehrenamt als Sterbebegleiter eine besondere Ausbildung Voraussetzung ist. Denn wie man mit der Trauer von Kindern oder Eltern, die – insbesondere in Notsituationen – die Schuldfrage stellten, umgehen müsse, könne man sich nicht mal eben so aneignen.

"Zwei Ausbildungen, die jeweils ein Dreivierteljahr in Anspruch nahmen sowie ein Praktikum in einer Kinderklinik waren Voraussetzung." Da kam ihm die bereits 2013 abgeschlossene Betriebsvereinbarung, die Schichtarbeitern Teilzeit ermöglicht, gerade recht. Von der Regelung, die der Betriebsrat weiter ausbauen möchte, profitiert sogar der Arbeitgeber: "Ich gehe mit Herausforderungen des Berufsalltags viel einfacher, gelassener um", sagt Gros. Seine Schulungen in puncto Widerstandsfähigkeit und Moderation wirkten sich positiv auf Arbeit und Betriebsklima aus, "das bestätigt sogar der Chef".

Die Schichtkollegen haben seinen Wunsch von Anfang an akzeptiert und sind bereit, auch selbst Mehrarbeit einzubringen, um Gros in seinem Vorhaben zu unterstützen. "Dafür bin ich ihnen sehr dankbar", sagt er, der aber auch bei der eigenen Arbeitszeitgestaltung bereit ist, seinem Team entgegenzukommen. Denn der teilzeittypische "freie Freitag" ist im Schichtmodell nicht realisierbar. Finanziell muss der junge Mann bei seiner 30-Stunden-Woche auf "nur" rund 17 Prozent Entgelt verzichten. Da hat die kalte Progression ausnahmsweise mal etwas Gutes.

Aktuell nutzt der Chemikant sein Mehr an Freizeit, um mit dem von ihm im Mai gegründeten, gemeinnützigen Verein Präventionsunterricht an Grundschulen zu geben. "Für viele Erwachsene ist es tabu, über Sterben, Trauer und Tod zu sprechen. Für Kinder nicht." Noch im Spätjahr will er ein Buch herausgeben, um diese Themen in die Familien zu bringen.

Daniel Pilar

Yvonne Schuck, Mechatronikerin bei Forbo Siegling in Hannover

". . . mehr Zeit für die Familie"

Mehr Zeit für die Familie bei vollem Job: Als sich diese Chance vor drei Jahren auftat, hat Yvonne Schuck zugegriffen. Seit die Betriebsvereinbarung zur Wahlarbeitszeit bei Forbo Siegling in Hannover gilt, arbeitet sie 35 statt 37,5 Stunden in der Woche. "Vor allem bei Frühschicht lässt es mir morgens mehr Zeit mit meinem Sohn", sagt die Mechatronikerin, die im Zweischichtdienst in der Werkstatt des Transportband-Herstellers arbeitet. "Er geht seit einem Jahr zur Schule. Ich bringe ihn hin, mein Mann holt ihn ab."

Wählen können die etwa 500 Beschäftigten zwischen 35 und 40 Stunden pro Woche. "Wir haben das zusammen mit einem neuen Schichtmodell eingeführt", berichtet der Betriebsratsvorsitzende Johannes Waldmann. "In der Produktion arbeiten wir seit 2015 mit vier statt drei Mannschaften in 19 Schichten pro Woche. Da kommen für die einzelnen Kollegen im Schichtplan weniger Stunden zusammen." Während Angestellte die Stundenzahl wählen, wird in der Produktion zwischen der Anzahl der Schichten entschieden: Einer 37,5-Stunden-Woche entsprechen 20 Schichten pro Schichtzyklus. Wer aufstockt auf 21 Schichten, arbeitet durchschnittlich 39,38 Stunden die Woche. Bei 19 Schichten kommt man auf 35,63 Stunden und muss keine zusätzlichen Schichten einbringen.

Die Wahlmöglichkeit kommt an: 145 Beschäftigte nehmen sie wahr; 100 von ihnen sind Schichtarbeiter. "Die meisten wollen reduzieren, weil die Entlastung bei 35,63 Stunden spürbar und die Lohneinbuße nicht so groß ist", sagt Waldmann. "Der Verlust wird durch den höheren Zuschlag bei der Vollkonti-Schichtzulage ausgeglichen." Entscheiden muss man sich jedes Jahr neu. "Wer sich nicht äußert, geht automatisch auf 37,5 Stunden zurück", erklärt Yvonne Schuck, die auch im Betriebsrat ist. Eine Kommission aus Betriebsrat und Geschäftsführung berät im September über die Wünsche der Mitarbeitenden. "In kleineren Abteilungen ist es manchmal schwierig, zu organisieren", erzählt der Betriebsratsvorsitzende. "Dann haben die Meister Bedenken. Aber wir finden meist eine Lösung." Yvonne Schuck hat sich bisher jedes Jahr neu für die Verkürzung entschieden. Sie würde vielleicht noch weiter reduzieren, wäre das möglich, ohne dafür offiziell in Teilzeit zu gehen. "Natürlich spürt man den Einkommensverlust, wenn man keine Vollkonti-Zulage bekommt", sagt die 34-Jährige. "Bei mir sind es unter dem Strich etwa 100 Euro im Monat weniger. Aber eine halbe Stunde täglich mehr Zeit für die Familie – das ist es mir wert."

Christian Liebich

Klaus-Peter Müller, Betriebsratsvorsitzender bei BASF Schwarzheide

". . . bis zum Renteneintritt arbeiten"

Wie lässt sich die Arbeitszeit in einem Schichtsystem so gestalten, dass sie älteren Beschäftigten gerecht wird und es ihnen ermöglicht, bis zur Rente zu arbeiten? Der Betriebsrat von BASF in Schwarzheide hat auf Grundlage des Tarifvertrags für lebensphasengerechte Arbeitszeitgestaltung (LephA) für die chemische Industrie im Tarifgebiet Ost ein Modell dafür ausgehandelt. Dabei ging es nicht darum, Möglichkeiten zu schaffen, früher in Rente zu gehen.

"Die Leute sollen bis zum Renteneintritt arbeiten", sagt der Betriebsratsvorsitzende Klaus-Peter Müller. Denn ein vorzeitiger Renteneintritt gehe mit einer Rentenkürzung einher. Langjährigen Schichtarbeitern stehen ab 55 Jahren 3,5 Stunden Altersfreizeit pro Woche zu. Sie können sich nach dem Modell entscheiden, ob sie sie direkt nehmen oder ansparen, bis sie 60 Jahre alt sind. Dies ermöglicht einen freien Tag pro Woche. Außerdem können sie sich entscheiden, nur noch 50 Prozent der Arbeitszeit zu arbeiten.

Das entfallende Entgelt wird aus einem betrieblichen Fonds weitgehend ausgeglichen, in den nach LephA der Arbeitgeber für alle Tarifmitarbeiter den Gegenwert von einer Stunde Arbeitslohn pro Woche – das sind rund 2,5 Prozent des Tarifentgelts – einzahlt. Nach den Erfahrungen des Vertrauensleute-Vorsitzenden Enrico Symanzig kommt das Angebot gut an: "Alle sagen: die zusätzlichen freien Tage bringen mir was. Ich hab von keinem gehört, der gesagt hat, nein, war die falsche Entscheidung." Wichtig war dem Betriebsrat auch, Beschäftigten mit Kindern zu helfen. Wer Kinder im Alter von bis zu sechs Jahren hat, bekommt einen zusätzlichen freien Tag pro Monat, den sogenannten Familientag. "Das wird sehr gut angenommen, das machen alle", sagt Enrico Symanzig. Finanziert werden die Tage ebenfalls aus dem Fonds.

Mit den Möglichkeiten nach dem vor rund einem Jahr beschlossenen "Potsdamer Modell", das eine flexible Arbeitszeitgestaltung von 32 bis 40 Stunden pro Woche vorsieht, will der Betriebsrat nun auch Beschäftigte mittleren Alters unterstützen. Etwa die Hälfte der Stammbelegschaft in Schwarzheide arbeitet in Schicht. "Gerade für den Schichtarbeiter sind längere Freizeitblöcke wichtig", sagt Klaus-Peter Müller. Der Betriebsrat hofft, Betriebsvereinbarungen abschließen zu können, die ein verändertes Schichtmodell vorsehen – möglicherweise auch mit einer reduzierten Arbeitszeit.

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