Vor Ort

Brennstoff mit Zukunft

Die INEOS Paraform GmbH stellt Formaldehyd und seine Folgeprodukte her. Dazu gehört auch synthetischer Diesel.

Andreas Reeg

Messwarte: Der Auszubildende Ludwig Faubel überprüft chemische Zusammensetzungen und Prozesse.
04.04.2018
  • Von: Isabel Niesmann

OME – in Zukunft könnte diese Abkürzung wichtig werden. Denn sie steht für Oxymethylenether, eine Verbindung aus Methanol und Formaldehyd. Die farblose Flüssigkeit ist brennbar und kann Fahrzeuge antreiben – ein synthetischer Diesel, der von einigen schon als die Rettung des Verbrennungsmotors gesehen wird. Der klare Vorteil gegenüber konventionellem Brennstoff: Es verbrennt sauberer und deutlich weniger Kohlendioxid gelangt in die Luft. Bei der INEOS Paraform GmbH in Mainz-Mombach wird an dieser Dieselalternative gearbeitet. Wo normalerweise Formaldehyd und seine Folgeprodukte entstehen, wird auch synthetischer Kraftstoff produziert. Vor drei Jahren integrierten die Mitarbeiter die Dieselanlage in die Formaldehydanlage. Bisher wird hier OME 1 hergestellt. Als Ersatz oder Zusatz zum Diesel möglich ist OME 3-5, das aus zwei Methanol- und drei bis fünf Formaldehydmolekülen besteht und einen höheren Siedepunkt als OME 1 hat.

Bisher hat INEOS die Forschung zusammen mit einem Schweizer Unternehmen selbst finanziert und das Verfahren gemeinsam mit der Technischen Universität Kaiserslautern entwickelt. Im Rahmen des Forschungsprojekts Namosyn (Nachhaltige Mobilitätsoffensive Synthetische Kraftstoffe) unterbreitete INEOS dem Bundeswirtschaftsministerium aber zusätzlich ein Angebot, das derzeit noch geprüft wird. Wenn die Zusage kommt, ist INEOS bereit; die Weiterentwicklung von OME 1 zu OME 3–5 ist möglich.

Für die Mitarbeiter ist der synthetische Diesel nur ein Teil ihrer Arbeit. Die Chemikanten sind nicht nur für den Diesel, sondern auch die anderen Formaldehyd- und Formaldehydfolgeprodukte zuständig und betreuen den kompletten Herstellungsprozess. Dafür laufen in der Messwarte die Fäden zusammen. Ludwig Faubel ist Azubi im ersten Lehrjahr und seit September bei INEOS. Schon in der Schule hatte er Spaß an Chemie und an seiner Ausbildung gefällt ihm gut: »Man kann viel sehen und beobachten und lernt viel kennen.« Auf den Bildschirmen überprüft er die chemischen Zusammensetzungen und Prozesse: Wie hoch ist das Methanol konzentriert? Stimmt die Temperatur? Stimmt der Druck? Das alles muss regelmäßig eingestellt und kontrolliert werden.

Das gilt nicht nur für die Messwarte, sondern auch direkt in der Formaldehydanlage. Deshalb entnehmen die Mitarbeiter hier Proben, die danach im Labor im Rahmen der Qualitätskontrolle erst analysiert und anschließend freigegeben werden. Im Stellraum passen sie das Formaldehyd an Kundenwünsche an, konzentrieren es entweder höher oder verdünnen es. Um das Produkt zum Kunden zu bringen, verladen Azubi Faubel und seine Kollegen den Tankzug. Dafür schließen sie den Schwenkarm an den Lkw an, der dann komplett mit Stickstoff überlagert wird. »So stellen wir sicher, dass kein Sauerstoff im Lkw ist«, erklärt Heigl. »Das ist wichtig, da es sich um ein explosives Gemisch handelt und wir so sicherstellen können, dass es nicht zu einer Entzündung kommen kann.«

Eine 30-Stunden-Woche und täglich 1,5 Stunden bezahlt freigestellt, um dem Arbeitszeitgesetz gerecht zu werden: »Wir haben in den Betriebsvereinbarungen sehr gute Regelungen zur Rufbereitschaft. Das ist notwendig, denn technische Defekte sind nie auszuschließen. Da kann es sein, dass wir auch nachts um drei kommen müssen«, so der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Heigl, der seit 1983 bei INEOS ist. Zwei Drittel der 134 Beschäftigten sind gewerkschaftlich organisiert. Der Draht zwischen Geschäftsführung und Belegschaft ist kurz, einige Probleme gibt es trotzdem: »Weil Werkbereiche und damit auch Anlagen und Messwarten zusammengelegt wurden, ist die Arbeitsbelastung deutlich gestiegen. Die Idee ist grundsätzlich gut, die Umsetzung gestaltet sich aber schwierig«, so Heigl.

Vom öffentlichen Nahverkehr bin hin zu den städtischen Müllfahrzeugen – vieles wird mit Diesel betrieben. Die Stadt Mainz ist deshalb sehr interessiert an der Arbeit von INEOS. Geplant ist, in näherer Zukunft die Müllfahrzeuge mit OME 3–5 zu betreiben. Langfristig gesehen müsste die Herstellung aber energiesparsamer und günstiger werden, um ökologisch und ökonomisch sinnvoll zu sein. »Das Thema synthetischer Diesel ist auch im Rahmen der Sicherung industrieller Arbeitsplätze enorm wichtig«, betont der Geschäftsführer Torsten Dittmer. Und der Riesenvorteil gegenüber anderen Energieträgern liegt auf der Hand: «Man kann die bestehenden Kraftfahrzeuge und Infrastrukturen nutzen.«

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