Verfolgte Gewerkschafter

Eine grausame Realität

Kolumbien ist seit Jahrzehnten das weltweit gefährlichste Land für Gewerkschafter. Allein 2012 wurden 20 Menschen ermordet. Auf einer vor einigen Wochen veröffentlichten Todesliste steht auch der Präsident der Kohlearbeitergewerkschaft.

Die erste Morddrohung kam am 10. Januar per Telefon. Eine männliche Stimme warnte die Frau von Igor Díaz López, dass man genau wisse, wo sie und ihre Familie lebten. Sie solle aufpassen. López ist der Präsident der Gewerkschaft der Kohlearbeiter Kolumbiens, kurz Sintracarbón. Wenige Tage zuvor waren noch konkretere Drohanrufe bei Aldo Raúl Amaya Daza eingegangen, dem Schatzmeister  von Sintracarbón. Beide gehören der Tarifkommission an, die Mitte März nach zähen Verhandlungen und 34 Tagen Streik einen neuen, deutlich verbesserten Tarifvertrag für die 11.000 Beschäftigten der Kohlemine Cerrejón abgeschlossen hat. Die Arbeiter bekommen einen spürbaren Lohnzuwachs, doppelt so hoch wie der Inflationsausgleich. Dazu wird ihre Gesundheitsversorgung verbessert und 630 von 900 Zeitarbeitern erhalten nun feste Verträge über vier Jahre. Vorher waren sie meist nur für wenige Monate angestellt.

Die Mine, in der sie arbeiten, ist die größte Lateinamerikas und eine der größten der Welt. Sie liegt auf der Halbinsel La Guajira im Norden Kolumbiens, und wird von einem Konsortium der Bergbaumultis BHP Billiton, Anglo American und Xstrata betrieben.

Ob es einen Zusammenhang zwischen dem Arbeitskonflikt und den massiven Drohungen gegen ihn und seine Familie sowie die seines Freundes Aldo Raúl Amaya Daza gibt, weiß Igor Díaz nicht. „Ich mache nichts anderes als meine Arbeit“, sagt er und zieht die Brauen in die Höhe. Doch genau deshalb landen Gewerkschafter seit Jahrzehnten immer wieder auf den Todeslisten von Paramilitärs und Killerkommandos in Kolumbien. Seit Mitte der 1980er Jahre sind in dem Land fast 3000 von ihnen ermordet worden, geht aus den Statistiken der nationalen Gewerkschaftsschule (ENS) in Medellín hervor. Zwar sind Morde an Gewerkschaftsvertretern in den letzten Jahren zurückgegangen, „aber jeder Mord ist einer zu viel“, sagt Igor Díaz. Seit dem 1. April steht auch sein Name auf einer neuen Todesliste der paramilitärischen Bande Los Rastrojos, die an 92 Organisationen und Einzelpersonen verschickt wurde. Darunter zahlreiche Menschenrechtsorganisationen, Anwälte, Gewerkschafter und Parlamentarier.

Der Präsident der kolumbianischen Kohlegewerkschaft Sintracarbón, Igor López.

„Eine grausame Realität“, sagt Michael Mersmann von der Internationalen Abteilung der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE). „Wir haben uns deshalb immer wieder für verfolgte Kollegen und die Familien von ermordeten Gewerkschaftern eingesetzt. Sowohl moralisch als auch finanziell.“ Über IndustrieALL – Global Union, die internationale Gewerkschaftsföderation der Industriearbeiter, halte die IG BCE zudem den Kontakt mit den Kollegen in Kolumbien. „Diese internationale Solidarität ist für uns überlebenswichtig“, bestätigt Luciano Sanín, bis Mitte April Direktor des Think Tank der kolumbianischen Gewerkschaftsbewegung, der nationalen Gewerkschaftsschule in Medellín. Das in der zweitgrößten Stadt Kolumbiens beheimatete gleichnamige Drogenkartell brachte die Andenmetropole Medellín in den 1980er Jahren traurige Berühmtheit.

Sanín deutet auf die Liste mit den Namen von zwanzig ermordeten Gewerkschaftern – alle in leitender Funktion und alle 2012 brutal ermordet.  Damit sich trotz der permanenten Bedrohung auch in Zukunft Arbeitnehmervertreter für ihre Kollegen einsetzen, arbeiten in der Schule vier Dutzend Experten an neuen Konzepten, um Kolumbiens Gewerkschaftsbewegung zu stärken, ihr landesweit mehr Gehör zu verschaffen und sie attraktiv für die jüngere Generation zu machen. Durchaus erfolgreich, wie eine leichte Zunahme bei den Mitgliederzahlen zeigt. „Knapp fünf Prozent der Arbeitnehmer in Kolumbien sind derzeit organisiert – vor einem Jahr waren wir bei vier Prozent“, erklärt Sanín mit ernster Mine. Hilfe kommt dabei auch von internationalen Gewerkschafts-Föderationen, die immer öfter Türen öffnen, um sich in großen Unternehmen zu organisieren. Erfolgreichstes Beispiel ist die Gründung einer Gewerkschaft in der Supermarktkette Carrefour, die erst auf Druck der UNI Global Union, der internationalen Dienstleistungsgewerkschaft, zustande kam. Die pochte auf die Einhaltung des global geltenden Rahmenabkommens mit Carrefour, bis die kolumbianischen Manager des Konzerns schließlich einknickten. Mehr als ein Jahr nach der Gründung im November 2011 sind rund 4.000 von 10.500 Carrefour-Beschäftigten organisiert. 

Eine Organisationsquote, die in Kolumbien selten ist, denn in vielen Betrieben werden die Gewerkschaften schikaniert und ignoriert. „Gewerkschaftsfeindlichkeit ist eher die Regel als die Ausnahme“, kritisiert Edwin Villamil. Er ist an der Gewerkschaftsschule für die Beratung und Betreuung von Arbeitern verantwortlich, die eine Gewerkschaft gründen wollen, aber immer wieder von Unternehmen ausgebremst werden. Oft muss sich der Mittdreißiger mit den zurückgekämmten pechschwarzen Haaren heimlich mit den Kollegen treffen - nach Feierabend in Cafés oder Bars, weil die Wände rund um den Betrieb Ohren haben. Da bilden auch deutsche Unternehmen wie DHL, die Spediteure von Kühne & Nagel oder Siemens keine Ausnahme. „In keinem dieser drei Betriebe gibt es eine unabhängige Betriebsgewerkschaft, kritisiert Villamil.

Den Grund dafür kennt der ehemalige Bergarbeiter Igor Díaz, der an der Schule hin und wieder Seminare gibt, nur zu gut. „In Kolumbien lernen die Manager immer noch, dass eine Gewerkschaft für ein Unternehmen der erste Schritt zur Pleite ist. Wir müssen zeigen, dass es ganz anders ist“, erklärt der Sintracarbón-Präsident. Das Beispiel Cerrejón, wo satte Gewinne erwirtschaftet werden, gibt ihm Recht. Einstimmig, transparent, klar und argumentationsstark wurde der Arbeitskampf organisiert. So hatten die Gewerkschafter mit ihren Forderungen nach mehr Umweltschutz, besserer Gesundheitsversorgung und Lohnerhöhungen schnell die lokale Bevölkerung auf ihrer Seite. Ein Erfolg in einem Klima der latenten Bedrohung.

Nach oben