Interview

"Gleiche Rechte für jedes Kind"

125.000 Euro spendeten Mitglieder der IG BCE an terre des hommes. Wofür das Geld genau verwendendet wird, erklärt Albert Recknagel, im Vorstand des Kinderhilfswerks zuständig für den Bereich Programme.

terre des hommes

Albert Recknagel, im Vorstand des Kinderhilfswerks terre des hommes zuständig für den Bereich Programme. Albert Recknagel, im Vorstand des Kinderhilfswerks terre des hommes zuständig für den Bereich Programme.
28.10.2015
  • Von: Michaela Ludwig
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Wofür steht terre des hommes (tdh)?

Unser Ziel ist die Umsetzung der Kinderrechte weltweit. Seit 1989 gibt es die internationale Konvention für die Rechte der Kinder, die nahezu alle Länder dieser Erde unterschrieben haben. Wir setzen uns dafür ein, dass diese Rechte im Alltag auch umgesetzt werden.
Terre des hommes bedeutet übersetzt „Erde der Menschlichkeit“. Gegründet wurde der Verein während des Vietnamkriegs 1967. Damals hatten sich Bürgerinnen und Bürger in Deutschland zusammengeschlossen, um nicht nur gegen den Krieg zu protestieren, sondern um den Kindern und Jugendlichen, die auf sich alleine gestellt waren, zu helfen. Damals wie heute unterstützen wir Kinder, die Opfer bewaffneter Konflikte wurden.

Terre des hommes unterstützt Flüchtlingskinder in ihren Heimatländern, entlang der Fluchtrouten und in Deutschland...
Wir wollen nicht punktuell helfen, sondern verfolgen einen ganzheitlichen Ansatz. Zum einen arbeiten wir in den Konfliktregionen selbst. Die meisten Menschen bleiben zunächst in ihrem Heimatland, fliehen nur in Regionen, wo keine Kämpfe stattfinden. In unserem Projekt im Nordirak werden psychosoziale Lern- und Freizeitangebote für Kinder aus Flüchtlingsfamilien und die Gemeinden gefördert, in denen die Kinder untergekommen sind. Die Kinder werden in sicheren Räumen vor Missbrauch und Ausbeutung geschützt. Wir achten darauf, dass sie nicht verwahrlosen, dass sie nicht traumatisiert werden, sich nicht aufgeben.
Erst wenn die Menschen in diesen Lagern keine Zukunft mehr für sich sehen und wegen der anhaltenden Konflikte nicht in ihre Heimat zurückkehren können, machen sie sich auf den Weg nach Mitteleuropa. Auf der italienischen Insel Lampedusa, einem wichtigen Ort auf der Flucht über das Mittelmeer, unterstützen wir seit drei Jahren ein Projekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Hier erhalten traumatisierte Flüchtlingskinder psychosoziale Unterstützung. Sie werden außerdem an Einrichtungen vor Ort weiter vermittelt, die sich für ihre Belange einsetzen und ihnen helfen, ihre Rechte wahrzunehmen.

Mit der Spende der IG BCE unterstützt tdh Flüchtlingskinder in Deutschland. Was geschieht konkret?

Mit den Spendengeldern sind wir in der Lage, unsere Unterstützung für Flüchtlingskinder in Deutschland weiter ausbauen. Ein Projekt in einem Flüchtlingslager bei Osnabrück bietet den Kindern nach ihrer Ankunft Betreuung, Ruhe und Schutz. Ehrenamtliche Mitarbeiter sorgen für eine kontinuierliche sozialpädagogische Betreuung vor allem im Freizeitbereich. Unsere Partnerorganisation in Kiel fördert die Interessenvertretung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Die Mitarbeiter unterstützen sie bei der Klärung ihrer Aufenthalts- und Bleibesituation und beim Einstieg ins Bildungssystem. Die jungen Flüchtlinge werden individuell psychosozial beraten und dauerhaft begleitet.

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    JENA - Aufbau eines Sozialdienstes für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge
    In Thüringen baut terre des hommes-Projektpartner Refugio e.V. einen Sozialdienst für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge auf. Ziel ist es, den Betroffenen beim Asylverfahren zu helfen und ihnen den Zugang zu elementaren Sozialleistungen zu ermöglichen.

    Derzeit erhalten rund 60 minderjährige Flüchtlinge die erforderliche Beratung für Asylverfahren sowie Unterstützung bei der Darstellung ihrer Fluchtgründe und Fluchtverläufe für die Asylanhörung.

    Ziel des Projektträgers ist die Verankerung des Sozialdienstes in die Regelleistungen der öffentlichen Jugendhilfe. Da Kinder durch Erfahrungen mit Krieg, Verfolgung und Flucht besonders stark betroffen sind. ist es besonders dringlich, diese traumatischen Erfahrungen zu verarbeiten. Entscheidend für den Erfolg dieser therapeutischen Arbeit sind in hohem Maße ihre Lebensbedingungen sowie Zuwendung und Schutz, die ihnen hier zuteilwerden.

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Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge brauchen besondere Unterstützung. Um was für Kinder und Jugendliche handelt es sich dabei?

Es sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die ohne Begleitung eines Erwachsenden nach Deutschland geflüchtet sind. Sie werden über das Jugendamt in speziellen Kinder- und Jugendeinrichtungen untergebracht und betreut. Einige ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von tdh sind Vormund einzelner Flüchtlingskinder. Sie kümmern sich um die rechtlichen Belange. Der Bedarf ist immens gestiegen: Denn die Zahl der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingskinder hat sich im letzten Jahr von 7000 auf heute 15.000 mehr als verdoppelt.

Warum werden Kinder alleine auf die Flucht geschickt?

Die Gründe sind sehr unterschiedlich: Viele haben beide Eltern oder zumindest den Haupternährer durch den Krieg verloren. Trotz der Gefahren, die die Flucht birgt, machen sie sich auf den Weg. Hier angekommen, versuchen sie die zurückgebliebene Familie zu unterstützen. Einige mussten ihre Heimat verlassen, um nicht von Rebellengruppen wie dem IS oder den Taliban rekrutiert zu werden. Andere waren Kindersoldaten, die nur durch die Flucht den Truppen entkommen konnten.

Wo hakt es bei der Betreuung und Versorgung der Flüchtlingskinder?

Ein großes Problem sind die Einschulung und der Sprachunterricht. Darum kümmern sich zwei weitere Projektpartner in Siegen und Weiden/Oberpfalz. Ohne Sprachkenntnisse ist Integration unmöglich. Und häufig reicht es nicht, sie nur in die Schulen zu schicken. Ohne Unterstützung haben sie viele negative Erlebnisse. Deshalb bekommen sie einen Coach zur Seite gestellt, der Sprachförderung und Nachhilfe anbietet, sie unterstützt und fördert.

Was fordert terre des hommes von Politik und Verwaltung?

Jedes Kind hat - egal wo es herkommt - die gleichen Rechte und diese Rechte gilt es umzusetzen. Deshalb fordern wir, das jedes Kind, das bei und ankommen, im bestmöglichen Sinne unterstützt wird.

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