Arbeitnehmerrechte

Die Sklaven der WM 2022

In Katar schuften Hunderttausende Gastarbeiter auf den Baustellen der WM 2022 – und Hunderte sterben. Und immer mehr Menschen fordern eine Verlegung der WM. Oder einen Boykott.

ITUC

Die Gastarbeiter müssen in Katar in heruntergekommenen Quartieren leben. Die Gastarbeiter müssen in Katar in heruntergekommenen Quartieren leben.
31.10.2013
  • Von: Ann-Kathrin Seidel

Im Wüstenemirat Katar wird es in den nächsten Jahren um viel Geld gehen. Mehr als 100 Milliarden Euro will das winzige Land am Persischen Golf – halb so groß wie Hessen, aber dank seines Ölreichtums eines der wohlhabendsten Länder der Welt – in seine Infrastruktur pumpen. Das ist fast so viel wie das letzte Hilfspaket, das die Europäische Union für das finanziell angeschlagene Griechenland geschnürt hat. Stadien sollen gebaut werden, wahrscheinlich zwölf an der Zahl, Quartiere, Straßenbahnlinien, ein Kongresscenter – alles für die Fußballweltmeisterschaft 2022. Wenn sie denn kommt.

Rund um die Welt wächst die Empörung über das, was auf den Baustellen in Katar passiert. Von Ausbeutung ist die Rede, von Sklaverei – und davon, dass in einem einzigen Monat, zwischen dem 4. Juni und 8. August, 44 Bauarbeiter auf den WM-Baustellen wegen Herzversagens oder bei Arbeitsunfällen gestorben sind. Seit der britische Guardian diese Nachricht verbreitet hat, werden erste Forderungen laut, dem Emirat die Spiele wieder zu entziehen. Wegen Missachtung der Menschenrechte. Alle 44 Tote waren Gastarbeiter aus Nepal.

Für die gigantischen Projekte wird das Emirat, das rund 1,6 Millionen Bürger hat, etwa eine Million Gastarbeiter aus Sri Lanka, Bangladesch, Nepal und Indien benötigen, schätzen Gewerkschaften und Menschenrechtsorganisationen – für sie eine beängstigende Vorstellung. Denn die Gastarbeiter haben in Katar kaum Rechte. Sie leben unter unmenschlichen Bedingungen und verunglücken, wie die Nepalesen, regelmäßig auf den schlecht gesicherten Baustellen.

Zu Anfang habe sie befürchtet, dass bis 2022 mehr Arbeiter umgekommen sein würden, als Spieler auf dem Platz stehen werden, sagt Sharan Burrow, Generalsekretärin des internationalen Gewerkschaftsbundes ITUC. An der WM 2022 werden 736 Fußballer teilnehmen. Mittlerweile rechnet die ITUC mit 4000 toten Arbeitern bis zum ersten Anpfiff, 600 pro Jahr.

Etwa 1,2 Millionen Gastarbeiter leben schon jetzt in Katar. Bis zur WM sollen noch einmal 500 000 hinzukommen. Ohne sie würde in dem Golfstaat nichts vorwärtsgehen – sie stellen rund 94 Prozent der Arbeitskräfte des Landes. Die meisten hausen in Slums rund um die Hauptstadt Doha, schuften für weniger als zehn Euro am Tag. Vielen werden die Pässe schon bei der Einreise abgenommen, der Lohn wird monatelang nicht ausgezahlt: All das hat die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in ihrem "World Report 2013" dokumentiert.

Die Ausbeutung in Katar hat System, genannt Kefala: Wer ein katarisches Arbeitsvisum bekommen will, braucht einen inländischen Sponsor. "Der Arbeiter ist damit völlig an seinen Arbeitgeber gebunden. Er kann ihn nicht verlassen, egal, wie schlimm er behandelt wird", sagt Nicholas McGeehan von Human Rights Watch.

Wie eine Arbeitsmaschine reichen einheimische Unternehmer die Gastarbeiter nach Belieben an andere weiter – ohne ihr Einverständnis einzuholen. Das erfüllt nach den Maßstäben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO den Tatbestand der Zwangsarbeit, anders ausgedrückt: der Sklaverei. Eine Flucht von der Halbinsel ist oft nicht möglich. Für ein Ausreisevisum braucht der Arbeiter den Stempel seines Arbeitgebers. McGeehan schätzt, dass Tausende Arbeiter in Katar festsitzen: "Der nepalesische Botschafter hat Katar kürzlich als das größte Open-Air-Gefängnis der Welt bezeichnet."

Besonders gefürchtet unter den Arbeitern ist der "schlafende Tod", wie das Herz-Kreislauf-Versagen genannt wird, das viele in der Nacht nach langen Stunden in der Hitze mit wenig Wasser ereilt. 2012 sind 100 Nepalesen auf diese Weise ums Leben gekommen, 22 starben bei Arbeitsunfällen, 13 begingen Selbstmord. Ähnliche Zahlen gibt es aus Indien, Bangladesch und Sri Lanka. Mehr als 1000 Arbeiter seien zudem im vergangenen Jahr auf den Baustellen durch Stürze verletzt worden, teilte Anfang 2013 die Hamad Medizinische Gesellschaft mit.

Bereits kurz nach der umstrittenen Vergabe der Fußball-WM an Katar sind die ITUC-Gewerkschafter an die WM-Organisatoren herangetreten. "Katar ist ein Sklavenstaat im 21. Jahrhundert", sagt ITUC-Generalsekretärin Burrow. Der Gewerkschaftsbund fordert mit seiner Kampagne "Rerun the Vote" nun die Wiederholung der WM-Vergabe. Das WM-Organisationskomitee habe lediglich im vergangenen Oktober eine Gastarbeiter-Charta herausgebracht, so ITUC, wonach die Verantwortung für die Arbeiter bei den beauftragten Bauunternehmen liege. Der Schwarze Peter wird also an die dort tätigen Unternehmen weitergereicht. Auch deutsche Konzerne bauen mit in Katar. Diese weisen die Vorwürfe aber von sich.

7,6 Kilometer lang ist die Barwa Commercial Avenue, das längste Einkaufszentrum der Welt, das Hochtief 2012 fertiggestellt hat. Das Emirat Katar ist mit mehr als zehn Prozent an dem Unternehmen beteiligt. Auf Nachfrage weist der Baukonzern darauf hin, sich bereits im Jahr 2000 als erstes internationales Bauunternehmen den Standards der internationalen Arbeitsorganisation verpflichtet zu haben. 4486 Arbeiter, die weder die deutsche noch die katarische Staatsbürgerschaft besitzen, seien auf der Center-Baustelle beschäftigt gewesen. Als inländisches Verbindungsglied fungierte die katarische Baufirma Galfar Al-Misnad.

Misshandlungen wie Pass- oder Lohnentzug seien für Hochtief "absolut inakzeptabel und fanden nicht statt", heißt es in einem schriftlichen Statement. Den Arbeitern seien eine Krankenversicherung, Räume für Gebete, festgelegte Arbeits- und Pausenzeiten zugestanden worden. Man habe sich an die gesetzlichen Vorgaben gehalten, in denen ein Mindestlohn indes nicht vorgesehen ist. Auch eine Gewerkschaftsgründung habe es nicht gegeben.

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