Im Wortlaut: Sigmar Gabriel, Bundesminister für Wirtschaft und Energie

Gemeinsam für gute digitale Arbeit

Die digitale Revolution ist dabei, unsere Arbeitswelt grundlegend und mit enormen Tempo zu verändern: Schon heute können wir in vielen Branchen und Betrieben erleben, wie sich Arbeitsinhalte, Produktionsabläufe und Arbeitszeitmodelle teilweise rasant wandeln.

Helge Krückeberg

Sigmar Gabriel, Bundesminister für Wirtschaft und Energie Sigmar Gabriel, Bundesminister für Wirtschaft und Energie
01.09.2015
  • Von: Sigmar Gabriel

Industrie-Arbeitsplätze werden komplexer und damit anspruchsvoller; Qualifikation und Fachwissen immer wichtiger. In einer digitalen sozialen Marktwirtschaft muss es darum gehen, die Chancen der neuen Technologien zu nutzen – für höhere Produktivität, mehr Beschäftigung und bessere Arbeitsbedingungen. Mehr Flexibilität und gesündere Arbeitsbedingungen können dazu beitragen, Arbeit familienfreundlicher und altersgerechter zu gestalten.

Gleichzeitig müssen die Risiken der Digitalisierung beherrschbar bleiben: Eine Entwertung und ersatzlose Verdrängung von Arbeit muss genauso verhindert werden, wie die völlige Auflösung der Grenzen von Arbeit und Privatleben zulasten der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Viele Beschäftigte befürchten, dass sie bei dem Tempo des technologischen Wandels nicht mitkommen können. Sie haben Sorge, dass die Arbeitsplatzsicherheit, Arbeitnehmerrechte und Löhne durch die Digitalisierung unter Druck geraten könnten.

Gemeinsam müssen wir deshalb diese konkreten Herausforderungen anpacken:

Wir brauchen einen neuen Flexibilitätskompromiss, der die Bedürfnisse von Arbeitgebern und Arbeitnehmern an den verschiedenen Lebensphasen orientiert, unter einen Hut bringt und die gefundenen Lösungen sozial absichert.

Wir brauchen Gute Tarifverträge als Voraussetzung für Flexibilität und Sicherheit. Gerade vor dem Hintergrund zunehmend digitalisierter Arbeit ist wichtig, dass die Tarifbindung gestärkt wird, insbesondere auch in neuen Branchen.

Wir brauchen eine fortentwickelte Mitbestimmung, weil die Digitalisierung die Verlagerung von Arbeitsvolumina und Standorten ermöglicht (Out- und Crowdsourcing, Near- und Offshoring) und gleichzeitig neue Formen des Arbeitnehmers (Crowd/Clickworker) entstehen.

Wir brauchen ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit, festgelegt im Arbeitsschutzgesetz, damit sich die Grenzen zwischen Arbeit und Privatem nicht völlig auflösen. Ein neuer Arbeitszeitbegriff muss geregelte und verhandelte Flexibilität zusammendenken und klare Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit ziehen.

Wir brauchen einen gestärkten Arbeits- und Gesundheitsschutz. Die Digitalisierung führt vielfach dazu, dass körperlichen Belastungen im Beruf reduziert werden können. Umgekehrt entstehen durch Arbeitsverdichtung sowie die erhöhte Verfügbarkeit und Mobilität auch neue psychische Belastungen, für die der Arbeits- und Gesundheitsschutz weiterentwickelt werden muss.

Wir brauchen einen individuellen Rechtsanspruch auf Weiterbildung, der durch Tarifverträge und Betriebsvereinbarungen sowie staatliche Fördermöglichkeiten ausgestaltet wird, als zentralen Bestandteil einer Weiterentwicklung der Arbeitslosenversicherung zu einer Arbeitsversicherung.

Wir brauchen einen besseren Arbeitnehmerdatenschutz, weil durch die neuen technischen Möglichkeiten der Digitalisierung sehr viel mehr persönliche Daten des einzelnen Mitarbeiters erfasst und gespeichert werden können als bisher. Wir setzen uns daher für ein eigenständiges Arbeitnehmerdatenschutzgesetz ein, das Übersicht über die geltenden Regelungen schafft und Regelungslücken beseitigt.

Hier liegen die Herausforderungen für Politik, Sozialpartnerschaft, Tarifverträge und Mitbestimmung, um die Teilhabe an Arbeit, gerechte Entlohnung, soziale Absicherung und den Schutz vor Überforderung in der Arbeit auch im digitalen Zeitalter zu gewährleisten.

Gute digitale Arbeit kann nur dann erreicht werden, wenn gesetzliche Rahmenbedingungen, tarifvertragliche Regelungen und betriebliche Ausgestaltung ineinandergreifen. Politik, Gewerkschaften sowie Arbeitgeber und ihre Personalverantwortlichen sind gemeinsam gefordert, neue Initiativen und Lösungen für die nächsten Jahrzehnte zu entwickeln.

Alle Beteiligten müssen dafür arbeiten, den digitalen Wandel mit Sicherheit zu verbinden, damit aus dem technologischen Fortschritt auch ein gesellschaftlicher Fortschritt wird.

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