Gute Arbeit

Schöne neue Arbeitswelt

Höher, schneller, weiter - der Druck im Job wird stärker. Beschäftigte müssen in der gleichen Zeit immer mehr leisten und ihre Arbeit zunehmend eigenverantwortlich organisieren. Hinzu kommt ständige Erreichbarkeit. Viele Arbeitnehmer sind am Limit der Belastbarkeit angelangt.

Andrea Diefenbach

Produktionshalle SCA in Mannheim Produktionshalle SCA in Mannheim
01.10.2012
  • Von: Axel Stefan Sonntag

Es ist, als ob wir in ein Wespennest gestochen hätten. Mit einem Thema, das offensichtlich eine Vielzahl von Arbeitnehmern zunehmend belastet. Viele der von uns angesprochenen Beschäftigten haben eine Stellungnahme dazu abgelehnt. Aus Angst, Schwäche zu zeigen. Oder aus Angst vor ihrem Arbeitgeber. Einer der Gesprächspartner hat im Nachhinein sogar sein Interview zurückgezogen.
 
Das Thema ist Leistungsverdichtung. Salopp übersetzt: Immer mehr Arbeit und Verantwortung sind in derselben Zeit zu bewältigen. Bruno Barko kennt diese Entwicklung. Steckdosen, Lichtschalter und elektrische Leitungen waren für ihn Ausbildungsalltag bei SCA Hygiene Products in Mannheim. In der Lehre zum Elektriker hat der heute 27-Jährige gelernt, die Haus-, Sicherheits- und Kommunikationstechnik des europaweit größten Hygienepapier-Standorts zu beherrschen.
 
Längst aber beschränkt sich seine Tätigkeit nicht mehr nur auf Sicherungen und Schaltpläne. Sie hat sich im Laufe der Zeit auf den gesamten Produktionsprozess erweitert. Barko kennt inzwischen jeden einzelnen Arbeitsschritt der notwendig ist, um aus den meterbreiten Papierrollen zig-verschiedene Toilettenpapiere herzustellen. In seiner Schicht ist er dafür verantwortlich, dass die Produktionslinie die vorgegebene Maschineneffizienz von 65 Prozent oder mehr erreicht. Gerade deshalb muss er die immer wieder komplexer gewordene Werkssoftware "Plain" aus dem Effeff beherrschen. Selbst die Qualitätssicherung gehört mittlerweile zu seinem Aufgabengebiet: Das sogenannte "Röllchengewicht" jeder einzelnen Toilettenpapier-Rolle muss dem Toleranzbereich entsprechen. Einzelne Stichproben wiegt er nach. "Es wird nicht mehr zwischen Handwerker und Produktionsmitarbeiter unterschieden", schildert Barko den für ihn schleichenden Veränderungsprozess seiner Aufgaben. Gefragt seien nun Prozess- Mitarbeiter. "Heute lautet die Vorgabe, dass das Instandhaltungspersonal sich nicht mehr nur mit einer bestimmten, sondern mit allen Maschinen auskennen muss".

 

Andrea Diefenbach

Luigi la Marca, SCA Mannheim Luigi la Marca arbeitet seit 35 Jahren bei SCA - sein Team organisiert sich mittlerweile selbst.

Eigenverantwortung und "Problemlösungs- Bewusstsein" wurden immer mehr erwartet, berichtet Luigi La Marca. Seit 35 Jahren arbeitet er bei SCA und befindet sich aktuell in der ersten Phase der Altersteilzeit. Wo einst sein Schichtmeister ihn angewiesen hat, entscheidet der 61-Jährige inzwischen alleine. Und sei es nur in einer scheinbar lapidaren Angelegenheit wie der Frage, an welcher Stelle der Wagen für Ausschuss steht und wer ihn wie oft und wann leert. "Unser Team verwaltet sich heute selbst", sagt er.
 
Immer neue Aufgaben, immer mehr Verantwortung – der Großteil der Arbeitnehmer in Deutschland fühlt sich zunehmend unter Druck gesetzt. 63 Prozent der Beschäftigten haben den Eindruck, dass sie "in den letzten Jahren immer mehr in der gleichen Zeit schaffen" müssen, heißt es im Gute-Arbeit-Idex des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Wichtigstes Ergebnis der repräsentativen Befragung: Stress am Arbeitsplatz wird von der Ausnahme zur Regel. Ein Grund für diese Entwicklung sind veränderte Produktionsprozesse. "Die Effizienz von  technischen Prozessen und Verfahren haben die Unternehmen weitestgehend ausgeschöpft", sagt Thomas Haipeter, Leiter der Forschungsabteilung Arbeitszeit und Arbeitsorganisation an der Universität Duisburg-Essen. "Jetzt rückt die Leistungs- und Innovationsfähigkeit der Beschäftigten in den Vordergrund". Für den Arbeitswissenschaftler führen solch neue Management- und Produktionskonzepte zu "einer Leistungsverdichtung, die wiederum auf einer Personalpolitik der unteren Linie, der Führung über Zielvereinbarungen und neue Formen der Arbeitsorganisation wie etwa Gruppen- und Projektarbeit beruhen".
 
Harten Wettbewerbsdruck sieht Tatjana Fuchs vom Internationalen Institut für empirische Sozialökonomie fast immer als Hauptursache zunehmender Arbeitsintensität. "Daraus ergibt sich auf  Dauer ein schädlicher Stressfaktor, der ein hohes Gesundheitsrisiko darstellt". Betroffen sind viele: 50 Prozent der Beschäftigten in der chemischen Industrie etwa müssen laut DGB-Index Gute Arbeit sehr häufig oder oft gehetzt, 60 Prozent seit Jahren immer intensiver arbeiten. Einer aktuellen Befragung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und des Bundesinstituts für Berufsbildung fühlen sich gar 69 Prozent der Arbeitnehmer durch ein Arbeiten an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit belastet.

 

Andrea Diefenbach

Gaby Böttinger, Salutas Pharma Gaby Böttinger, Salutas Pharma: "Unterm Strich ist die Arbeit mehr geworden."

Das betrifft nicht nur Beschäftigte in Produktion und Montage. Auch in der Verwaltung haben die Aufgaben zugenommen. Gabi Böttinger, die 1999 als Telefonistin zum Salutas Pharma-Standort nach Gerlingen kam, sieht sich inzwischen als Verwaltungs-Allround-Kraft. Wer einen Firmenwagen bucht, zum Betriebsarzt muss, als Fremder ins Betriebsrestaurant will, neue Arbeitsschuhe benötigt oder die Abteilungspost sucht, landet stets bei ihr. Das Verhältnis zwischen hinzugekommenen Aufgaben und ihrer eigentlichen Arbeit sieht sie nach 13 Jahren bei 70 zu 30. Zwar sind Marketing und Vertrieb nicht mehr am Standort Gerlingen angesiedelt und die Zahl der Telefonate ging damit zurück. "Dennoch ist es unterm Strich mehr Arbeit geworden", so die 55-Jährige. Vor allem verantwortungsvolle Tätigkeiten, wie etwa Bestellungen oder die Erfassung und Auswertung von Arbeitsstunden bzw. Arbeitsaufwand der Labormitarbeiterist, neben all dem Publikumsverkehr, eine Herausforderung. "Um Fehler bei der Eingabe der Zahlen durch Ablenkung möglichst zu vermeiden, habe ich gerade um einen etwas ruhigeren Arbeitsplatz für diese Aufgaben gebeten", so Böttinger.
 
Stress und Hektik werden von der Ausnahme zur Regel. Und auch in ihrer Freizeit haben Arbeitnehmer keine Ruhe vor dem Job. Smartphone und Laptop lassen sie ständig erreichbar sein – von 27 Prozent der Beschäftigten wird das laut Gute-Arbeit-Index sogar sehr häufig vom Arbeitgeber verlangt. Abschalten können viele da immer seltener. So fällt es 34 Prozent schwer, nach der Arbeit nicht an den Job zu denken – Beschäftigte mit langen Arbeitszeiten, Frauen und Ältere sind in besonderem Maße betroffen.
 
Und die Zahl der psychischen Erkrankungen ist in den vergangenen zehn Jahren geradezu explodiert. Die Fehlzeiten in den Betrieben aufgrund psychischer Leiden haben um 80 Prozent zugenommen. Krankenkassen bezeichnen Burnout bereits als neue Volkskrankheit. Schon heute summieren sich die Kosten für psychische Erkrankungen auf 27 Milliarden Euro jährlich.

Möglichkeiten, Leistungsdichte in Schach halten können, sieht Diplomsoziologin Tatjana Fuchs dennoch. Beispielsweise, wenn "Beschäftigte selbst entscheiden können, mit welcher Priorität sie Aufträge abarbeiten und wie sie sich Unterstützung organisieren können". Wichtig sei, sich mit dem Betrieb dahingehend zu einigen, dass die Beschäftigten "nicht nur Einfluss darauf nehmen können, welches Ziel sie erreichen müssen, sondern ebenso wie und unter welchen Bedingungen".

 

Andrea Diefenbach

Frank Gottselig, Betriebsratsvorsitzender bei SCA Hygiene Products Frank Gottselig, Betriebsratsvorsitzender bei SCA Hygiene Products

Eine Aussage, die Frank Gottselig, Betriebsratsvorsitzender bei SCA Hygiene Products in Mannheim, noch ergänzt: "Qualifikation und Altersstruktur der Belegschaft müssen stimmen. Die Ruhe und Erfahrung der Älteren, die Technik- Begeisterung der Jüngeren und gegenseitiger Respekt sind die Basis für ein harmonisches Miteinander". Zwar habe sich auch bei den Beschäftigten, die er vertritt, die Leistung im Zuge des globalen Wettbewerbsdrucks verdichtet. Im Gegenzug wisse er um die Standortsicherheit des Werks Mannheim und um gegenseitige Vereinbarungen, die so manches abfederten: etwa die stetige Weiterqualifizierung der Mitarbeiter oder der Ausbau alters- und alternsgerechter Arbeitsplätze. Auch die Altersteilzeit trage dazu, eine Überlastung im Alter zu vermeiden.
 
Betriebsräte sind mit der wichtigen Aufgabe, Stress und Überlastung im Betrieb einzudämmen, aber nicht allein. Die IG BCE hat mit dem Projekt "Gute Arbeit" Leistungsverdichtung und die beunruhigende Entwicklung bei psychischen Erkrankungen zum Thema gemacht und sucht gemeinsam mit Betriebsräten nach individuellen Lösugsansätzen.
 
Ein wichtiges Instrument dabei ist der "IG-BCE-Check Leistungsverdichtung". Auf einem systematisch aufgebauten Fragebogen nehmen Beschäftigte in 18 Fragen Stellung zu Themen wie Arbeitszeit, Arbeitsintensität, Führung und Qualifizierung. "Betriebsräte und Vertrauensleute haben dann die Möglichkeit, die Rückläufer systematisch und differenziert zu erfassen und auszuwerten", sagt Projektleiterin Yasmin Fahimi. Ein Ampel-System zeigt auf einen Blick, in welchem Handlungsfeld die Leistungsdichte für eine bestimmte Beschäftigtengruppe am höchsten und somit der Handlungsbedarf am dringendsten ist. Arbeitnehmervertreter können dann gemeinsam mit dem Arbeitgeber Arbeitsorganisation und Projektarbeit gezielt neu strukturieren und das Gesundheitsmanagement methodisch dort verbessern, wo es am dringendsten geboten erscheint.

Denn: "Mentaler Stress und daraus resultierende Überlastungssyndrome, wie Depressionen und Burn-Out, führen zu oft wochen- und monatelangen Ausfällen", sagt Fahimi. Aus zahlreichen arbeitsmedizinischen Untersuchungen wisse man, dass die Hauptursache von  Burn-Out die zunehmende Arbeitsintensität ist. "Ein funktionierender Gesundheitsschutz im Betrieb muss die Quellen der Arbeitsverdichtung identifizieren und gemeinsam mit den Betroffenen Lösungen finden", so Fahimi.

Nach oben