Nominiert für den Deutschen Betriebsrätepreis 2015

Teilzeit im Außendienst? Geht doch!

Den einen Teil der Woche Pharmareferentin, den anderen Mutter: Lange galten Teilzeit und Außendienst als unvereinbare Gegensätze. Der Betriebsrat von Bayer Vital brachte diese zusammen. Die Lösung: Job-Sharing. Die erste, die von dem Modell profitierte, ist Pharmareferentin Mareile Dohr.

Thomas Pflaum

Pharmareferentin Mareile Dohr „Ich war dann 2011 Teil des Pilotprojekts“, sagt Pharmareferentin Mareile Dohr, „über Leiharbeit bekam ich eine Sharing-Partnerin, die mittlerweile fest angestellt ist.“

Mareile Dohr steigt aus ihrem Auto, nimmt die Ledertasche mit der neusten Studie zu einem Herzkreislaufmittel zwischen den beiden Kindersitzen heraus und zieht ihr Jackett über. Am Empfang der Praxis zückt sie ihr Tablet und macht schon einmal den nächsten Termin aus. Dann setzt sie sich ins Wartezimmer und geht die Daten zu dem Medikament durch, die der Arzt noch nicht kennt. „Dienstags bis donnerstags bin ich ab sieben Uhr morgens Pharmareferentin“, sagt sie. „Aber montags und freitags bin ich Mutter, kümmere mich um meine Kinder und mache mit ihnen die Hausaufgaben.“ 

Vor allem um die Hausaufgaben hat sie sich früher Sorgen gemacht. Sie lebt auf dem Land in der Nähe von Fulda, wo es praktisch selbstverständlich ist, dass Großeltern und Eltern viel Zeit für die Kinder und deren Schulfortschritte haben. Ihr Mann jedoch ist beruflich genauso viel unterwegs wie sie als Pharmareferentin bei Bayer Vital, die Großeltern leben weit weg. Nachdem sie mehrere Jahre im Beruf pausiert hatte, um die damals noch kleinen Kinder zu versorgen, gab es für sie deshalb nur eine Lösung: Teilzeit. Das Problem an der Lösung: Sie existierte nicht, es gab einfach noch kein Modell dafür.

Großer Bedarf - bestätigt durch eine Umfrage

„Dass der Bedarf da war, wussten wir schon lange“, sagt Michael Westmeier, Betriebsratsvorsitzender von Bayer Vital. Um das auch dem Arbeitgeber deutlich zu machen, führte der Betriebsrat eine Umfrage durch. „Damit die Geschäftsführung die Antworten akzeptiert, haben wir die Fragen offen gestellt“, erklärt er, „auch wenn das für die Auswertung unheimlich aufwändig war.“ Doch der Aufwand lohnte sich.

Frank Rogner

 Michael Westmeier, Betriebsratsvorsitzender von Bayer Vital. Nach erfolgreicher Testphase wurde das Modell 2015 per Betriebsvereinbarung verankert. „Das einzige Teilzeitmodell im Außendienst, was mir bekannt ist!“, sagt Michael Westmeier, Betriebsratsvorsitzender von Bayer Vital.

Nachdem Teilzeit im Innendienst selbstverständlich war, machte die Umfrage klar, dass sich auch im Außendienst etwas tun musste in Hinblick auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Dafür sprach auch die Vielzahl individueller Regelungen: „Es gab bei einzelnen Mitarbeitern verschiedenste Hilfsbrücken, wie etwa einen unbezahlten Urlaubstag pro Woche“, sagt Westmeier, „das war kurios.“

Doch nach wie vor habe das Dogma gegolten: Im Außendienst ist Teilzeit zu kompliziert und teuer. Die Pharmareferenten sind meist für feste Gebiete und Kundenkreise zuständig, die natürlich auf die der Kollegen und die jeweiligen Wohnorte abgestimmt sind. Innerhalb dieser Gebiete und Kundenkreise kalkulieren sie ihre Touren gewöhnlich frei, je nach Verfügbarkeit der Ärzte, dem Beratungsbedarf und den anfallenden Strecken und Fahrzeiten. Einfach halbtags arbeiten und die Nachmittagsärzte auf andere Kollegen zu verteilen, wäre entsprechend schwierig.

Job-Sharing lautete der Kompromiss

„Der Arbeitgeber möchte natürlich nicht bei jedem Teilzeitantrag die Strukturen ändern“, meint Westmeier. Aber immer nur Schwierigkeiten und Kosten aufzählen führe nunmal nicht dazu, dass sich etwas an den Problemen der Beschäftigten ändere. „Eine Kollegin formulierte es so: Die Lebenswirklichkeit darf nicht einfach am Unternehmen vorbeiziehen.“ Zumal ein Teil dieser Wirklichkeit war, dass Mitarbeiter ihren Job aufgaben, wenn Kinder kamen oder jemand aus der Familie Pflege brauchte. Nach vielen Diskussionen kam der Durchbruch dann mit einem neuen Geschäftsführer, der selbst „familiärer geprägt“ war, wie Westmeier es formuliert. Job-Sharing lautete der Kompromiss.

Thomas Pflaum

Nach dem letzten Arztbesuch steigt Mareile Dohr gegen 16 Uhr wieder ins Auto. Nach dem letzten Arztbesuch steigt Mareile Dohr gegen 16 Uhr wieder ins Auto, hört noch schnell ihre Mailbox ab.

„Ich war dann 2011 Teil des Pilotprojekts“, sagt Mareile Dohr, „über Leiharbeit bekam ich eine Sharing-Partnerin, die mittlerweile fest angestellt ist.“ Nach erfolgreicher Testphase wurde das Modell 2015 per Betriebsvereinbarung verankert. „Das einzige Teilzeitmodell im Außendienst, was mir bekannt ist!“, betont Michael Westmeier. Jede reduzierte Arbeitszeit füllt eine Partnerin auf 100 Prozent auf, damit die gleichen Gebietsstrukturen bestehen bleiben können. Mit den Sharing-Partnerinnen nehmen derzeit rund 50 Mitarbeiterinnen das Modell in Anspruch und reduzieren ihre Arbeitszeit tageweise auf 40, 50 oder 60 Prozent. Hauptgrund sind Kinder, Gesundheit und Pflege Angehöriger. Maximal drei Jahre ist das möglich, bei besonderem Bedarf, etwa aufgrund der Kinder, auch fünf Jahre. „Ich bin sonst gegen Leiharbeit“, sagt Westmeier. „Hier mündet sie aber nach einem Jahr in eine befristete Stelle und hat einen neuen Arbeitsmarkt für Teilzeitkräfte geschaffen.“

Nach dem letzten Arztbesuch steigt Mareile Dohr gegen 16 Uhr wieder ins Auto, hört noch schnell ihre Mailbox ab, während sie eine Banane isst. Sie hat ein großes ländliches Gebiet und fährt zwischen 150 und 350 Kilometern pro Arbeitstag. Jetzt geht es wieder Richtung Fulda, noch einmal eine Stunde Fahrt. „Ich mag die Abwechslung zwischen Reden, Zuhören, Fahren und Terminvorbereitung“, sagt Dohr, während sie sich anschnallt, „das gehört zum Außendienst dazu, entweder man liebt es, oder man lässt es.“ Anders als sonst, wird sie auf dieser Fahrt nicht das kommende Arztgespräch im Geiste durchgehen. „Ich hole jetzt meinen Sohn von der Kita ab“, sagt sie und schaltet das Radio ein.

Der „Deutsche Betriebsräte-Preis“ ist eine Initiative der Fachzeitschrift „Arbeitsrecht im Betrieb“. Er zeichnet seit 2009 das Engagement und die erfolgreiche Arbeit von Betriebsräten aus, die sich nachhaltig für den Erhalt oder die Schaffung von Arbeitsplätzen oder für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Unternehmen einsetzen.

Jennifer Zumbusch

Der Betriebsrat der Bayer Vital GmbH wurde mit dem Sonderpreis "Arbeitszeitgestaltung" ausgezeichnet. "Teilzeit im Außendienst": Für dieses Projekt wurde der Betriebsrat der Bayer Vital GmbH mit dem Sonderpreis "Arbeitszeitgestaltung" ausgezeichnet.

Der Preis wird auch 2016 wieder ausgeschrieben und verliehen. Weitere Informationen dazu gibt es hier.

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