IG BCE aktuell 07-2017

Wohlstandsmotor für Europa

Deutschland ist für seine Leistungsbilanzüberschüsse international oft in der Kritik. Doch was ist wirklich dran? Wo gibt es Handlungsbedarf - und was genau ist eigentlich eine Leistungsbilanz?

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20.07.2017

Deutschland verzeichnet eine langjährige wirtschaftliche Wachstumsphase. Vielen Menschen geht es gut. Der aktuelle wirtschaftliche Erfolg wird, wie aber eigentlich schon fast seit Bestehen der Bundesrepublik, durch die hohen Außenhandelsüberschüsse wesentlich mitgeprägt. Seit 1952 verkaufen wir kontinuierlich mehr Waren ins Ausland, als wir von dort beziehen.

Mit der sich abzeichnenden neuen handelspolitischen Doktrin der USA und durch den Brexit besteht die Gefahr, dass einer der zentralen Erfolgsfaktoren der deutschen Volkswirtschaft, ihre Exportfähigkeit, unter doppelten Druck gerät. Zum einen droht eine protektionistische Politik international salonfähig zu werden – was dem Welthandel schweren Schaden zufügen würde. Zum anderen verbergen sich Gefahren in der immer lauter werdenden politischen Diskussion, die Exporterfolge deutscher Unternehmen seien verantwortlich für die wirtschaftspolitischen Probleme in Europa und den USA. Komplexe wirtschaftliche Zusammenhänge werden dabei nicht selten bewusst oder unbewusst zu stark vereinfacht.

Die Leistungsbilanz enthält neben Exporten und Importen auch die Ströme von Erwerbs- und Vermögenseinkommen sowie laufende Übertragungen (zum Beispiel Geldgeschenke und Renten). Daher können Zahlungsbilanzüberschüsse auch ganz andere Gründe haben. Zum Beispiel, wenn die Importe eines Landes durch eine Konsum- und Investitionsschwäche niedriger sind als die Exporte. Aber auch, wenn Unternehmen und Bürger eines Landes fortwährend hohe Sparraten haben oder im eigenen Land weniger investieren als im Ausland.      

Für Deutschland treffen diese in der öffentlichen Diskussion nicht aufgegriffenen Gründe in unterschiedlicher Intensität zu. Während die in den vergangenen Jahren vorherrschende Konsumschwäche in Deutschland überwunden scheint, bleiben die privaten und öffentlichen Investitionen hinter den eigentlichen Notwendigkeiten zurück. Die deutschen Unternehmen haben in den letzten Jahrzehnten zudem statt in Deutschland stark im Ausland investiert - und die daraus resultierenden Einnahmen fließen wieder nach Deutschland zurück und vergrößern so den Leistungsbilanzüberschuss.

Löhne und Lohnstückkosten

Auch die These, die deutsche Volkswirtschaft hätte sich internationale Wettbewerbsvorteile durch geringe Lohnsteigerung verschafft, ist falsch.  Richtig ist, dass über eine längere Phase die deutschen Lohnstückkosten im Vergleich zu anderen europäischen Staaten langsamer wuchsen. Es wird dabei aber oft übersehen oder verschwiegen, dass sich Lohnstückosten aus Löhnen und Produktivität zusammensetzen. Man kann daraus ableiten, dass in Deutschland die Produktivität stärker als in anderen europäischen Ländern gestiegen ist, oder die vergleichsweise höhere Lohnentwicklung im Ausland nicht durch eine entsprechende Produktivitätssteigerung gedeckt war.

Beide Effekte haben wohl zum Auseinanderdriften der Lohnstückkosten in Europa geführt. Seit etwa fünf Jahren öffnet sich die Schere zwischen Deutschland und den weiteren Ländern der EU nicht mehr weiter. Im Gegenteil: Die deutschen Lohnstückkosten steigen seitdem sogar stärker als in anderen Ländern der EU.

Ein differenzierter Blick auf die Entwicklung der Lohnstückkosten der letzten 25 Jahre nach Branchen offenbart, dass die deutschen Lohnstückkosten im europäischen Vergleich besonders stark im öffentlichen Dienst gefallen sind. Die Ursachen liegen sowohl in niedrigen Tarifschlüssen, aber auch im fortgesetzten Abbau der Beschäftigtenzahlen im öffentlichen Dienst. Im Gegenzug waren insbesondere in den südeuropäischen Ländern bis zum Ausbruch der Eurokrise hohe Lohnabschlüsse und ein Aufbau der Beschäftigten auch im öffentlichen Dienst zu verzeichnen.

Bei zentralen industriellen und exportorientierten Branchen hingegen fiel der Abstand der deutschen Lohnstückkostenentwicklung im europäischen Vergleich geringer aus. Sinkende Lohnstückkosten dürften hier vor allem auf Produktivitätsgewinne zurückzuführen sein, weil die Tarifabschlüsse der exportorientierten Branchen in Deutschland durchaus ansehnlich waren. Die unterschiedlichen Lohnstückkostenentwicklungen oder zu niedrige Lohnabschlüsse in Deutschland können also zur Erklärung der hohen Außenhandelsüberschüsse und der Leistungsbilanz nicht herangezogen werden.

Deutsche Waren im Ausland beliebt

Die Ursachen für den Außenhandelsüberschuss sind andere. Eine Ursache liegt im Angebotsportfolio der deutschen Wirtschaft: Waren und Güter „Made in Germany“ werden bis heute im Ausland geschätzt und benötigt. Die deutsche Industrie bot und bietet Produkte mit hoher Qualität und Lösungskompetenzen für Menschen, sowie privaten und öffentlichen Unternehmen in aller Welt. Und das seit Jahrzehnten.

Andererseits ist kaum eine andere große Volkswirtschaft so eng mit der restlichen Welt verflochten wie Deutschland. Deutsche Unternehmen verkaufen Waren in nahezu alle Länder der Erde, bauen Fabriken im Ausland und kaufen Vorleistungen von ausländischen Herstellern. Der Einkauf von Vorleistungen deutscher Unternehmen verweist auf ein weiteres Argument, warum man den hohen Außenhandelsüberschuss Deutschlands nicht einfach verdammen sollte: Die exportorientierte deutsche Industrie kauft mittlerweile über 40% ihrer Vorleistungen aus dem Ausland ein. Insbesondere aus Europa. Exporte deutscher Unternehmen generieren also auch immer Nachfrage in anderen europäischen Ländern.

Wege zum Abbau der Überschüsse

Dennoch sind der Leistungsbilanzüberschuss und das damit verbundene Ungleichgewicht nicht unproblematisch. Denn der hohe Überschuss zeigt auch, dass in Deutschland sowohl heimische als auch ausländische Unternehmen zu wenig investieren. Auch die schwachen Investitionen der öffentlichen Hand erschweren einen Abbau des Überschusses. Zu geringe Investitionen führen zu stagnierenden Produktivitätsentwicklung und damit auf Dauer zu Wachstumsverlusten der gesamten Volkswirtschaft.

Impulse für eine weitere Stärkung der Binnennachfrage und damit einer ausgewogeneren Leistungsbilanz könnten durch eine Senkung der hohen Abgabenlast der Arbeitnehmer erreicht werden. Die Steuereinnahmen lassen steuerliche Entlastungen und der Sozialabgaben durchaus zu, ohne Zukunftsinvestitionen zu gefährden. Höhere private und öffentliche Investitionen könnten einen noch größeren Beitrag leisten, denn Deutschland leistet sich seit längerem eine private und öffentliche Investitionsschwäche. Stärkere private Investitionen durch verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen für Unternehmen und mehr öffentliche Investitionen in Bildung und Verkehrsinfrastruktur sind ein Schlüssel für die Zukunft Deutschlands.

Dazu kann und sollte sich der Staat durchaus verschulden, weil ja für die Zukunft und für die nächste Generation investiert wird. Die in Deutschland propagierte und weit nach Europa aus ausstrahlende strahlende Fixierung auf die alleinige Konsolidierung der Staatshaushalte ist infrage zu stellen. Nur wenn es gelingt, in Europa mehr nachhaltiges und starkes Wachstum zu erzielen, könnten drohende Einbrüche beim Export in die USA zumindest einigermaßen kompensiert werden.

Trotzdem sollen und müssen unsere Industrieunternehmen auch zukünftig in die ganze Welt exportieren. Es sollten daher Anstrengungen übernommen werden, sich gegen die protektionistischen Bestrebungen in der USA, aber auch andere Länder und Regionen zu schützen. Handelsverträge zu fairen Bedingungen müssen daher das Ziel der deutschen wie auch europäischen Außen- und Wirtschaftspolitik sein. Auch hinsichtlich des Brexit ist es angesagt, kühl und rational zu reagieren. Ein „sanfter Ausstieg“, bei dem Großbritannien einen vergleichbaren Status wie Norwegen oder die Schweiz bekäme, ist aus ökonomischer wie auch politischer Sicht auf jeden Fall die bessere Alternative.

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