Tendenzen - 30 Jahre nach dem Mauerfall

Auferstanden aus der Wende

Mit dem Zusammenbruch der DDR wurden die Beschäftigten in die Marktwirtschaft geworfen. Die Folge: Betriebsschließungen und Massenentlassungen. Die Wirtschaft in Ostdeutschland musste neue Wege finden.

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28.10.2019
  • Von: Wolfgang Lenders

Am 9. November 1989 öffnete die DDR die innerdeutsche Grenze, die Menschen jubelten. Schnell wurde eine Forderung laut: Die D-Mark muss her. Doch die Betriebe waren auf die Währungsumstellung im Sommer 1990 und den Wechsel des wirtschaftlichen Systems nicht vorbereitet. Was in den nächsten Jahren kam war brutal – und hat eine ganze Generation geprägt: Millionen Menschen verloren ihre Arbeitsplätze, ganze Wirtschaftszweige verschwanden. Und selbst bei den Betrieben, die überlebten, musste in der Regel ein Großteil der Belegschaft gehen. Trotzdem gibt es Standorte, wo der Wandel recht gut geklappt hat. Und es besteht Grund zur Hoffnung, dass neue Industrien mit der Zeit die Lücken schließen können, die der Kahlschlag der 1990er-Jahre hinterlassen hat.

Als im Sommer 1989 die Macht der DDR-Führung bröckelte, spürten das die Menschen. Zum Beispiel in den Leuna-Werken, einem Zentrum der Erdöl-Verarbeitung. "Ich hatte das Gefühl, endlich etwas bewegen zu können", erzählt Joachim Nowak, der seit 1971 in dem Werk arbeitete. Als die ersten Betriebsratswahlen anstanden, ließ er sich aufstellen. Im Eiltempo mussten er und seine Betriebsratskollegen sich mit den rechtlichen Grundlagen vertraut machen – und gleichzeitig um das Überleben des Standorts kämpfen. "Uns war nicht bewusst, dass die folgenden drei Jahre so schmerzhaft werden würden", sagt Nowak. Denn erst einmal standen Entlassungen an. "Wir wussten, dass von den rund 27.000 Arbeitsplätzen nur etwa 5.000 gesichert waren."

Massiver Arbeitsplatzabbau war Anfang der 1990er-Jahre in Ostdeutschland ein flächendeckendes Problem. In der DDR gab es fast keine Arbeitslosigkeit, die Zahl der Beschäftigten in einem Betrieb richtete sich nicht unbedingt nach wirtschaftlichen Kriterien. Da es politisch gewollt war, die sogenannten volkseigenen Betriebe in die Privatwirtschaft zu überführen, sollten sie am Markt bestehen können. Zuständig für diesen Prozess war die Treuhandanstalt; dabei blieb nahezu kein Betrieb von Personalabbau verschont. Sozialpläne, Kurzarbeit, Abfindungen, Umschulungen und Frühverrentung waren die Mittel, um dies einigermaßen sozialverträglich zu gestalten.

Ute Liebsch, die heute den IG-BCE-Bezirk Cottbus leitet, arbeitete 1989 bei der zum FDGB gehörenden IG Chemie, Glas und Keramik. "Die Leute hatten von der Politik der DDR die Schnauze voll", sagt sie. "Und sie wollten reisen können." Für die Gewerkschaften bedeutete die Wende einen demokratischen Erneuerungsprozess. Die alte Gewerkschaft schloss einen Kooperationsvertrag mit der bundesdeutschen IG Chemie-Papier-Keramik ab, der die Mitglieder in die DGB-Gewerkschaft führte. Die alte DDR-Gewerkschaft wurde aufgelöst. Die IG Chemie-Papier-Keramik schloss sich 1997 mit der IG Bergbau und Energie und der Gewerkschaft Leder zur IG BCE zusammen.

Für die Gewerkschaftsmitarbeiter hieß es 1990, sich mit der neuen Situation vertraut zu machen. "Über Nacht hatten sich alle Gesetze geändert", sagt Ute Liebsch. Während der Zeit der Massenentlassungen war die Unterstützung durch die Gewerkschaft für die Beschäftigten von existenzieller Bedeutung. "Wir haben Hunderte von Schiedsstellen-Verfahren durchgezogen", berichtet Liebsch. Als gut bezeichnet sie die Zusammenarbeit mit den Betriebsleitern. "1990 haben wir viel mehr mit den Geschäftsleitungen zusammen gemacht als heute. Auch die Chefs hatten damals Angst um ihre Jobs."

Für eine ganze Reihe von Betrieben fand sich kein Käufer. Hart traf es etwa die Schuhindustrie in Weißenfels. Rund 5.000 Menschen arbeiteten in den Fabriken, die zum VEB "Banner des Friedens" gehörten. 30.000 Paar Schuhe fertigten sie pro Tag. Geblieben ist davon fast nichts, 1992 schloss die letzte Produktionsstätte.

In einigen Wirtschaftszweigen war klar, dass es nicht mehr weitergehen konnte. In den Kernkraftwerken Rheinsberg und Lubmin etwa. Und beim Uranbergbau im Erzgebirge, der einen Großteil des Urans für die sowjetischen Atomwaffen geliefert hatte. Bereits in den 1980er-Jahren war die Menge des geförderten Urans rückläufig, obwohl die Schächte bis zu 1.800 Meter in den Untergrund reichten. Im Dezember 1991 übernahm der deutsche Staat die alleinige Verantwortung für das zuvor deutschsowjetische Gemeinschaftsunternehmen Wismut, das die Förderung betrieben hatte. Seitdem läuft die Sanierung der Altlasten. Rund 45.000 Menschen arbeiteten zur Zeit der Wende bei der Wismut, heute sind es noch etwa 1.000.

Einer der Hauptenergieträger in der DDR war die Braunkohle. Eine ganze Reihe von Kraftwerken produzierten den Strom und die Fernwärme für die Neubausiedlungen. Unzählige Brikettfabriken in den Kohlerevieren lieferten den Brennstoff für die Öfen in den Altbauten. 1989 arbeiteten in Mitteldeutschland und in der Lausitz rund 140.000 Beschäftigte in der Braunkohlenindustrie. Heute hat der Braunkohlenförderer Mibrag mit Sitz in Zeitz weniger als 2.000 Beschäftigte, bei der Leag in der Lausitz arbeiten rund 8.000 Menschen.

Die Mauer war 1989 gefallen, die großen Veränderungen standen aber erst noch bevor. Eine Reihe von Betrieben wurden von Konzernen aus dem Westen übernommen: BASF Schwarzheide etwa ist heute einer der größten Produktionsstandorte im Konzern. Bayer stellt in seinem Werk in Bitterfeld unter anderem die Aspirin-Produkte her. Die Übernahme hatte allerdings auch zur Folge, dass die Konzernzentralen meist
im Westen blieben. Das hat bei vielen Menschen in Ostdeutschland das Gefühl hervorgerufen, dass aus der Ferne über Dinge entschieden wird, die sie betreffen.

Es gibt aber auch Betriebe, die unabhängig blieben. Das Spülmittel Fit kannte in der DDR jedes Kind. Doch nach der Wende brach der Absatz erst einmal ein. Zu verlockend waren die vermeintlich besseren Produkte aus dem Westen. Die Zukunft für das Werk in Hirschfelde, seit 2007 ein Ortsteil von Zittau, stand auf der Kippe. Zwar gab es Interessenten an der Marke, aber zunächst niemanden, der die Produktion mit damals rund 450 Beschäftigten fortführen wollte. 1993 übernahm ein ehemaliger Manager von Procter & Gamble das Werk. Heute arbeiten rund 250 Menschen bei der Fit GmbH – und der Name "Fit" ist in Ostdeutschland nach wie vor ein Synonym für "Spülmittel".

Auch in Leuna ging es weiter: Entscheidend für den Erhalt des Standorts war der Verkauf der Raffinerie an den französischen Konzern Elf Aquitaine und anschließende Bau einer neuen Anlage. Das Rückgrad des Standorts wurde die im Jahr 1996 gegründete InfraLeuna GmbH, bei der Joachim Nowak Betriebsratsvorsitzender war, bis er 2018 in Rente ging. "Wir haben recht behalten, dass Leuna eine Zukunft hat", sagt er. Über 100 Unternehmen haben sich seit 1990 angesiedelt, mehr als 10 000 Menschen arbeiten für sie. Leuna ist heute einer der modernsten Chemie-Standorte in Europa.

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