Interview Professor Hans-Hermann Dirksen

"Wir brauchen jetzt Roboter-Gesetze!"

Professor Hans-Hermann Dirksen über Roboter in der Produktion und
wie Betriebsräte über die künstlichen Kollegen mitbestimmen.

Privat

17.05.2018
  • Von: Alexander Nortrup

Eine Studie der TU Darmstadt hat ergeben, dass mehr als 60 Prozent der Beschäftigten Roboter als Kollegen positiv sehen. Ist das naiv oder pragmatisch?

Ach, wissen Sie – Roboter sind aktuell noch gar nicht so weit, wie Ihre Frage suggeriert. Klar, es gibt bestimmte Aufgaben, die automatisierte Systeme abnehmen. Und deren Zahl steigt täglich. Aber künstliche Intelligenz – und die meint ja der Begriff Kollege – wird noch so gut wie gar nicht eingesetzt. Sie ist im industriellen Maßstab noch längst nicht einsatzfähig.

Der humanoide Roboter »Pepper« ist inzwischen beinahe auf jeder Messe zu finden, selbst Provinz-Einkaufszentren mieten ihn für einige Tage und lassen ihre Kunden mit ihm Schnick Schnack Schnuckspielen. Futuristisch ist das doch durchaus, oder?

Ja, aber es ist bislang nur ein kleiner Vorgeschmack auf die Zukunft. Wenn Sie die Berichte lesen, stellen Sie schnell fest: Der kann nicht besonders viel. Selbst verlässlich kommunizieren kann man mit ihm nicht, weil er im Lärm des Einkaufszentrums oder der Messe nicht alles versteht. Und beim Schnick Schnack Schnuck muss er fragen, welches Zeichen sein Mitspieler gemacht hat, weil auch zwei Kameras nicht reichen, wenn die Software nicht alles klar identifizieren kann. Um in der Arbeitswelt zu bleiben: Ein vollwertiger Ersatzkollege ist der bestimmt nicht. Solche Maschinen sind unterstützend tätig, Arbeitsplätze rauben werden sie auf Sicht nicht.

Die Unternehmensberatung McKinsey hat errechnet, dass in Deutschland bis 2055 die Hälfte aller Arbeitsstunden durch Automatisierung wegfallen könnte, ein Viertel schon ab 2030. Maschinen sind also offenbar sehr wohl Konkurrenten.

Das Bild vom Roboter als Konkurrenten ist aus meiner Sicht grundfalsch. Denn erstens fallen vor allem Arbeiten weg, die auf Dauer ohnehin zu schwer oder zeitraubend sind. Solche Entwicklungen hat es in der Geschichte immer gegeben. Und zweitens muss man das große Ganze sehen: Es werden viele Arbeitsplätze entstehen, die sich mit der Entwicklung, Überwachung, Anwendung und Planung der Roboter-Arbeitsplätze
beschäftigen.

Heberoboter unterstützen heute bei schweren Arbeiten, aber morgen gibt es vielleicht schon ein Gerät, das den Arbeitsplatz ganz ersetzt. Eine Fabrik voller Roboter wäre die Folge, für viele Menschen eine Horrorvision. Haben Betriebsräte genug Mitspracherecht - oder muss etwas neu geregelt werden?

Die Umstrukturierung von Arbeitsplätzen hin zu Robotern muss bereits heute glasklar mit dem Betriebsrat abgestimmt werden. Die betriebliche Mitbestimmung ist da bestens aufgestellt. Dass 50 Roboter plötzlich die Arbeit machen, ist juristisch nicht möglich. Was eher noch geregelt werden muss, sind Fehlfunktionen und ihre Konsequenzen. Denn je autonomer Geräte handeln, desto nötiger wird es, schleunigst Haftung und Verantwortlichkeiten in Roboter-Gesetzen kategorisch zu definieren.

Für wie weit und für wie risikoreich halten Sie denn den aktuellen Stand der Robotik?

Viele Roboter oder Systeme mit künstlicher Intelligenz tun bislang vor allem das, was man ihnen einprogrammiert hat. Sie sind eher dienstbare Geister mit Teilautomatisierung. Heberoboter etwa, die beim Transport von Patienten helfen, oder Roboter, die Essen ausfahren. Aber auch das kann gefährlich sein: 2015 gab es einen dramatischen Fall in Baunatal, wo ein Roboter in einem VW-Werk einen Arbeiter an die Wand gedrückt und getötet hat. Die anschließende Untersuchung hat ergeben, dass ein menschlicher Kollege den Roboter zum falschen Zeitpunkt aktiviert hatte, und der hat dann das gemacht, wofür er eben programmiert war. Menschliches Versagen lässt sich eben niemals ganz ausschließen.

Und was ist, wenn die Maschinen mit künstlicher Intelligenz auf dumme Gedanken kommen?

Man wundert sich, wie schnell das gehen kann. Facebook etwa hat zwei Roboter programmiert, die sich eigentlich nur gegenseitig etwas verkaufen und dafür eine gerechte Struktur finden sollten. Der Versuch wurde sofort abgebrochen, als sie plötzlich
eine eigene Sprache entwickelt haben, die die menschlichen Programmierer nicht mehr verstehen konnten.

Roboter oder Maschinen, die von Software gesteuert werden, handeln doch aber strikt rational. Das tun sicher nicht alle Menschen?

Na ja, was ist schon rational? So hart das auch klingt: Der Pflegeroboter könnte ja wirklich aufgrund einer ethischen Überlegung entscheiden, die Seniorin verhungern zu lassen, weil sie nach seiner Berechnung für das Sozialsystem zu teuer ist. Das will doch niemand. Und soll ein autonomer Krankenwagen bei Rot über die Ampel fahren, damit der Patient schneller ins Krankenhaus kommt? Da scheint uns der Rechtsbruch doch okay zu sein. Genau deshalb brauchen wir eben Roboter- Regeln. Ethik und Logik, denen Roboter folgen sollen, müssen klar festgelegt werden. Autonomes Fahren wird das Leben vieler
Menschen bewahren, Operationsroboter Leben retten und Pflegeroboter den Pflegenotstand begrenzen. Aber je autonomer alles wird, desto mehr müssen wir schauen, dass uns der Fortschritt nicht aus der Hand gleitet.

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