Betriebsreportage

Baldiran fürs Volk

Immer mehr Menschen greifen zu Baldrian und Johanniskraut, um Stress abzubauen. Die Inhaltsstoffe der Fertigpräparate kommen oft von Finzelberg.

Andreas Reeg

27.06.2018
  • Von: Axel Stefan Sonntag

Wer hier arbeitet, muss entspannt und relaxed sein. Zugegeben, diese Schlüsse kann nur ein Journalist ziehen. Und doch hängt im in Andernach (bei Koblenz) gelegenen Werk des Pharmaherstellers Finzelberg ein hochkonzentrierter Duft von Melisse, Pfefferminze und vor allem Baldrian in der Luft. Und bald in meinen Klamotten. „Hoffentlich ist dein Kater kastriert“, scherzt der Betriebsratsvorsitzende Wolfgang Hell. Denn jeder Katzenbesitzer weiß, welch „hormonelle Schübe“ Baldrian bei Stubentigern auslöst. Wenngleich der hier in großen Mengen produzierte „Stoff“ vorwiegend in die Pharmaindustrie geht – beispielsweise als Nahrungsergänzungsmittel oder pflanzliches Arzneimittel, mit dem Alltagsstress besser zu bewältigen sein soll. „Dass sich psychische Belastungen ausbreiten, merken wir“, sagt Hell. Er weiß nicht so recht, ob er sich als Betriebsrat darüber freuen oder – als Vollblut- Gewerkschafter – sich darüber Gedanken machen soll.

Im „Drogenlager“, wie die Pharmaindustrie eingelagerte, getrocknete Heilpflanzen bezeichnet, stehen reihenweise zentnerschwere Big Bags voll mit Baldrian. Die vorgeschnittene Ware stammt vorzugsweise von Vertragslandwirten der Martin Bauer Group, zu der Finzelberg seit 1989 gehört. Dann geht es los: Ein Luftsog zieht die Rohware in eine der sieben Extraktionslinien. Zu den Pflanzenteilen fließt jetzt Alkohol als Lösemittel hinzu. Wie beim „Kaffeefilter-Modell „ geht es in diesem „Aufguss „ nun darum, in der anschließenden Vakuum-Verdampfung möglichst „viel Baldrian „ (korrekter: die Wirkstoffe Valerensäuren) aufzukonzentrieren. Nach und nach verschwindet so Flüssigkeit, eine zähflüssige Masse entsteht. So einfach wie dieser Prozess klingt, so komplex ist er. „Bei Naturprodukten gibt es immer Abweichungen zwischen den Chargen“, sagt Pascal Gräf. „Die zugefügte Alkoholmenge ist immer davon abhängig, wie trocken und wirkstoffkonzentriert die Pflanzen sind“, erklärt der Chemikant.

Inzwischen ist der honigartige Sirup fast schwarz; wie man ihn von Baldriantinktur eben kennt. Doch weil die Abnehmer einen festen Stoff benötigen, kommt nun eine der vier Trocknungsanlagen ins Spiel. Je nach dem, ob die Ware in Tees, Tabletten oder Kapseln Verwendung finden soll, entscheidet sich jetzt die Art des Verfahrens. „Für Tee ist eine leicht lösliche, feine Körnung entscheidend. Da setzen wir den Sprühbandtrockner ein“, erklärt Produktionsleiter Dietmar Kaiser, der früher selbst einmal Betriebsratsmitglied war. Zunächst fällt die Masse dreieinhalb Meter tief durch 200 Grad heiße Luft und schwitzt dann auf einem sechs Meter langen Band bei 90 Grad nochmals so sehr, dass das Extrakt nur noch fünf Prozent Feuchtigkeit enthält. „Ein Verfahren, um die Bestandteile zu schonen“, sagt er.

Danach gelangt die fertige Ware ins hauseigene Logistikzentrum – und von hier aus in aller Herren Länder. Und da gibt es eine Menge Besonderheiten. So sind manche Palettenplätze auffällig mit „Halal“ markiert. „Da wachen wir besonders darüber, dass keine alkoholischen Lösemittelrückstände mehr drin sind“, betont Kaiser die Vorgabe muslimischer Kunden. Bei Neuaufträgen sei es keine Seltenheit, „dass sich hier eine Delegation mit Geistlichen anmeldet, um sich persönlich davon zu überzeugen, wie wir produzieren. „ Die entsprechenden Paletten sind sogar nochmals separat eingeschweißt, um jegliche Kontamination vollends auszuschließen. „Einen solch hohen Standard zu gewährleisten, auf so viele Kundenwünsche einzugehen – das können nicht viele“, sagt Betriebsrat Wolfgang Hell stolz.

Ebenso stolz ist er darauf, dass rund 95 Prozent der rund 330 Beschäftigten Mitglied in der IG BCE sind. Das war ein hartes Stück Arbeit: „Als ich 1977 anfing, waren es 38 von 136 Mitarbeitern.“ Aber Hell und sein Team sind sich sicher: „Nur organisiert haben wir Einfluss. Wir informieren jeden neuen Mitarbeiter über die Leistungen, die der Tarifvertrag bietet. Und über das, was wir hier durchsetzen„ , sagt Andrea Opitz, stellvertretende Betriebsratsvorsitzende. „Etwa die Mitbestimmung bei einer Kündigung. „ Zugegeben, dieses ungewöhnliche Recht geht auf eine mit dem Arbeitgeber 1974 geschlossene Vereinbarung zurück, die nicht einseitig kündbar ist. „Doch alleine die sollte jedem die Solidarität wert sein.“ Doch natürlich gibt es eine Reihe weiterer Gründe, etwa die überdurchschnittliche Finzelberg- Altersvorsorge.

Da nimmt man das tägliche „Baldrian-Deo“ doch gerne in Kauf. Und, tatsächlich: Zu Hause angekommen, bringe ich mein Hemd schnell in Sicherheit, bevor Kater Paul über Schuhe und Jeans herfällt.

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