Migration

Ist das Boot voll?

Schnell machen populistische Schlagwörter wie "Sozialtourismus" oder gar die "Islamisierung des Abendlandes" die Runde. So werden fremdenfeindliche Ressentiments geschürt. Ein nüchterner Blick auf die Zahlen und Fakten rund um unsere Einwanderungsgesellschaft hilft, Vorurteile auszuräumen, Probleme wie Chancen zu benennen.

03.03.2015
  • Von: Marco Jelic

Dabei gilt es vor allem zwischen den unterschiedlichen Formen der Migration zu unterscheiden: beispielsweise zwischen Migranten, die ihr europäisches Recht auf Freizügigkeit in Anspruch nehmen, also aus den Mitgliedstaaten der EU stammen. Oder zwischen den Menschen, die vor Krieg und Vertreibung geflohen sind – aus Syrien, Somalia oder Eritrea – und denen, die in Deutschland Antrag auf Asyl stellen.

Die IG BCE steht in jeder Hinsicht für eine offene Gesellschaft und wendet sich gegen jene, die – wie Pegida – Abschottung und Ausgrenzung propagieren. Das bekräftigt auch der Vorsitzende, Michael Vassiliadis: "Die Gewerkschaften stehen für ein offenes, tolerantes und vielfältiges Deutschland. Wir dürfen nicht zulassen, dass Ängste gegen Einzelne oder Gruppen geschürt werden mit dem Ziel, unsere Gesellschaft zu spalten und die Menschen gegeneinander aufzuhetzen."

Tatsache ist: Deutschland braucht Zuwanderung. Allein schon aus demografischen Gründen, um einem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Dafür benötige es, so die stellvertretende Vorsitzende Edeltraud Glänzer, eine echte Willkommenskultur. Diskriminierende Strukturen müssten abgebaut werden. Die Gewerkschaften seien in Bezug auf die Arbeitswelt Vorreiter im Kampf gegen Diskriminierung: "Wir reden nicht, wir handeln – und das nicht seit gestern!" Sozialpartner- und Betriebsvereinbarungen zum partnerschaftlichen Verhalten am Arbeitsplatz seien nur zwei von vielen gewerkschaftlichen Maßnahmen: "Wir Gewerkschaften engagieren uns für Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit – und diese Werte gelten für alle!"

Mit Fakten gegen Vorurteile:

755 000
Europa: Von den 1 226 493 Zuwanderern 2013 kamen 755 000 Menschen aus dem EU-Raum (62 Prozent), den größten Anteil stellte Polen. Zieht man die Fortzüge ab, gab es unterm Strich einen Wanderungsgewinn von 295 200.

202 834
Asyl: 2014 wurden in Deutschland 202 834 Asylanträge gestellt, davon 173 072 Erstanträge. Das sind etwa 60 Prozent mehr als 2013. Zum Vergleich: 1992 haben 438 191 Menschen in Deutschland
Asyl beantragt, das war Höchststand.

3300
Sozialtourismus: Laut einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zahlt jeder Ausländer pro Jahr im Schnitt 3300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben, als er an staatlichen Leistungen erhält.

20,7 Prozent
Qualifikation: Der Anteil der Hochqualifizierten unter Einwanderern aus EU-Staaten ist besonders hoch; jeder fünfte Zuwanderer (20,7 Prozent) aus den EU-Beitrittsstaaten von 2004 hat einen Hochschulabschluss.

740 000
Arbeitsplätze: Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 740 000 Selbstständige aus Einwandererfamilien, die mehr als zwei Millionen neue Arbeitsplätze schaffen. Dabei haben wissensbezogene Dienstleistungen zu- und die Bereiche Gastronomie und Handel abgenommen.

4,3 Millionen
Religion: Schätzungen zufolge leben in Deutschland zwischen 3,8 und 4,3 Millionen Muslime. 98 Prozent sind in den alten Bundesländern zu Hause. Rund die Hälfte der in Deutschland beheimateten Muslime sind deutsche Staatsangehörige.

1,6
Asyl II: Ein Drittel aller Menschen, die 2013 in der EU um Asyl baten, haben dies in Deutschland getan. Doch diese Tatsache allein ist wenig aussagekräftig. Laut Eurostat werden in Ländern wie Schweden (5,7 Asylanträge pro 1000 Einwohner), Österreich (2) oder Ungarn (1,9) relativ gesehen mehr Asylanträge als in Deutschland (1,6) gestellt.

79000
Zuflucht: Die größte Gruppe an Asylsuchenden bilden in Deutschland mit rund 23 Prozent die Flüchtlinge aus Syrien. 79 000 sind seit Beginn des Krieges 2011 nach Deutschland eingereist. Aber nur 4 Prozent der syrischen Flüchtlinge haben überhaupt Zuflucht in Europa gesucht: In den Libanon sind fast zehn Mal so viele Menschen geflohen – über 1 Million. Knapp 790 000 sind es in der Türkei und 600 000 Syrer suchten Schutz in Jordanien. Zum Vergleich: In Bayern kommt ein Flüchtling auf 305 Einwohner, in Jordanien ist das Verhältnis 1:11. Insgesamt hat der Krieg in Syrien seit 2011 rund 3,8 Millionen Menschen zu Flüchtlingen gemacht, 6,5 Millionen wurden innerhalb Syriens vertrieben.

Quellen:
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge
UN HCR Flüchtlingshilfe der Vereinten Nationen
Mediendienst Integration
Eurostat Statistische Amt der Europäischen Union

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