Interview

Auf nach China!

Was können Betriebsräte aus Deutschland für die Beschäftigten in China tun? Welche Ansätze zur Zusammenarbeit gibt es, wo sind die Grenzen? Und wo kann es hingehen? Ein Interview mit BASF-Betriebsrat Ralf Bastian.

Gero Breloer

Ralf Bastian, Betriebsrat BASF Ralf Bastian, Betriebsrat BASF
28.07.2015
  • Von: Wolfgang Lenders

Du bist zweimal in China gewesen, hast dort Werke der BASF besucht. Was hat dich am meisten beeindruckt?

Die schiere Größe des Landes und dass dort in riesigem Maßstab Chemie produziert wird.

Bist du auch mit den Mitarbeitern ins Gespräch gekommen?

Ins Gespräch kommen ist ein bisschen schwierig, aber ich hab gesehen, wie dort gearbeitet wird. Dass zum Beispiel die Messwarte vom Steam Cracker von einem Team gefahren wird, dass fast nur aus jungen Frauen besteht - das wäre bei uns ganz untypisch. Ich habe gesehen, dass die Menschen dort, obwohl sie eine andere Ausbildung gemacht haben, in der Lage sind, solche Großanlagen zu fahren.

Wie viele Kollegen habt ihr von der BASF in China? Und wie ist euer Kontakt zu ihnen?

Wir haben in China fast 10.000 Kolleginnen und Kollegen. Den direkten Kontakt zu ihnen haben Mitarbeiter aus Deutschland, die als Entsandte dort arbeiten. Als Arbeitnehmervertreter haben wir bislang keinen Kontakt.

Wie oft kommt es eigentlich vor, dass Kollegen aus China nach Deutschland kommen?

Das sind in der Regel kürzere Aufenthalte, aber das findet ständig statt. In der Regel, um unsere Strukturen kennen zu lernen, und um hier nicht nur die Arbeitsweisen, sondern auch die Leute kennen zu lernen.

Ein Stück weit sind die Kollegen aus China ja auch Konkurrenten im eigenen Unternehmen. Wie geht ihr im Betriebsrat damit um, wenn die BASF in China investiert?

Unser Bedürfnis ist: Es darf nicht zu unseren Lasten gehen. Ein Beispiel: Wenn die BASF die Globalisierung der Forschung beschließt, und die drei Forschungsplattformen, die bislang in Ludwigshafen angesiedelt waren, aufgeteilt werden -  eine in Amerika, eine in Europa, und eine in China angesiedelt sein soll - dann ist für uns zu klären, welche Auswirkungen das für uns hat. Solange es gelingt, die Arbeitsplätze in Deutschland zu sichern und das Add On nach China oder USA geht, haben wir eine andere Situation, als wenn hier die Zahl der Arbeitsplätze reduziert wird.

Welche Möglichkeiten habt ihr, auf solche Entscheidungen Einfluss zu nehmen?

Wir können Einfluss nehmen über die Auseinandersetzung mit den Verantwortlichen in unseren Strukturen vor Ort. Weil die Entscheidungsträger im wesentlichen immer noch bei uns in Deutschland sitzen. Und das geschieht auch. Sowohl im Aufsichtsrat als auch über die Arbeitnehmervertretungsstrukturen vor Ort in Ludwigshafen.

Wenn ein Unternehmen einen neuen Markt erschließt, ist das ja grundsätzlich gut, weil dann auch die Produktion steigt. Aber Konzerne verlagern ja auch gerne mal Produktion aus Deutschland in andere Länder. Wie ist das bei euch?

Bislang hat der chinesische Markt die von uns in China hergestellten Produkte im wesentlichen aufgenommen. In der klassischen chemischen Produktion gab's keine relevante Verlagerung von Deutschland nach China. Aber es gibt strukturelle Veränderungen: Dass zum Beispiel die Textilproduktion heute in großen Teilen in Asien stattfindet, hat zur Folge, dass bestimmte Zulieferungsprodukte der Chemie, etwa die Textilfarbstoffe, auch dorthin abwandern.

Heißt das, die Konkurrenz zwischen den Standorten ist nicht so groß, wie es auf den ersten Blick scheint?

Der asiatische Markt ist zunächst einmal noch aufstrebend. Veränderungen wie in der Elektronikindustrie – wo mittlerweile fast alles in Asien hergestellt wird – sind nicht chemietypisch. Das sind ganze Industrien, die aus unterschiedlichen Gründen abwandern.

Was die Arbeitsbedingungen und die Bezahlung in China angeht: Könnt ihr als Betriebsrat euch konkret für die Beschäftigten dort einzusetzen? Habt ihr die Möglichkeit, da Druck auszuüben?

Wir können an das Unternehmen appellieren, aber wir haben keinerlei Handhabe, Forderungen auch durchzusetzen. Wir können aber ganz konkrete Bedingungen hinterfragen. Was verdient in China jemand in einer bestimmten vergleichbaren Position? Ich kann mir angucken, ob ich das Gefühl habe, dass Sicherheitsstandards eingehalten werden. Oder ich kann nachfragen, ob es Auseinandersetzungen im Betrieb gab, ob etwa jemand verfolgt wurde; das haben wir gemacht und da ist mir nichts bekannt.

Was ist für euch dabei das größte Problem?

Dass die Rechte des Betriebsrats mehr oder weniger am Werkszaun aufhören. Das ist ein Punkt, bei dem wir hoffentlich bald ein bisschen weiterkommen. Wir haben ja auch einen europäischen Betriebsrat. Der trifft sich im Jahr fünf, sechs mal - und die Kollegen dort sehen, wie unser Beteiligungs- und Mitbestimmungsrecht in Deutschland aussieht. Ich glaube, dass wir unser System auf einem Ähnlichen Weg auch den Kollegen in China zeigen können. Dafür brauchten wir Strukturen des Sich-Begegnens.

Was denkst du, wo es mit der Zusammenarbeit hingeht?

Ich hätte einen ganz simplen Wunsch: Betriebliche Arbeitnehmervertreter sollen sehen, wie die Arbeitsbedingungen in China sind und wie die Arbeitsstätten aussehen. Nur dann können sie verstehen, worüber wir eigentlich reden.

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