Ausbildung

Fit für morgen

Mit dem Start in den Beruf beginnt für junge Leute ein komplett neues Leben. Doch nicht nur über die ersten Tage im Betrieb machen sich die Auszubildenden Gedanken, auch die unbefristete Übernahme nach der Ausbildung spielt für viele jetzt schon eine Rolle. Die IG BCE hilft bei beidem.

Daniel Pilar

Lea Brüning Zwischen Büro und Sport: Lea Brüning hält die Beschäftigten bei J.W. Ostendorf fit.
29.08.2014
  • Von: Désirée Binder

Wer Lea Brüning an ihrem Arbeitsplatz besuchen will, muss erst die Produktionshallen des Farben- und Lackherstellers in Coesfeld hinter sich lassen. Ziel ist eine kleine, geklinkerte Pizzeria auf dem Werkgelände. Hier, weit weg vom hektischen Treiben der Produktion, macht die 19-Jährige ihre dreijährige Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau. »Das Unternehmen legt großen Wert auf die Gesundheit der Beschäftigten«, sagt Tobias Elis, Leas Ausbilder und Gesundheitsmanager. In den Fitnessräumen der umgebauten Pizzeria kann jeder an Fitnessgeräten trainieren oder an verschiedenen Sportkursen teilnehmen. Kurse leitet Lea noch nicht, doch sie hat schon einiges zu tun. »Ich arbeite Schnelltests im Bereich Stress und Balance für das Intranet aus«, erklärt sie. »Außerdem organisiere ich Sporttermine für die Beschäftigten. « Mit ihrer zurückhaltenden Art hat Lea bei den Beschäftigten schon Vertrauen gewonnen. »Für morgen haben sich schon einige zu meiner Nordic-Walking-Gruppe angemeldet«, freut sich die Auszubildende.

Eigentlich wollte Lea beruflich etwas mit Gestaltung machen. »Nach meinem Fachabitur habe ich aber gemerkt, dass das doch nichts für mich ist«, sagt die sportliche junge Frau. »Bewegung war mir aber schon immer wichtig, deshalb entschied ich mich für die Ausbildung zur Sport- und Fitnesskauffrau.« Zu J. W. Ostendorf kam sie über ein Lehrstellenspeeddating in Münster. »Die Stelle hat mir gleich gefallen. Ich wollte Vielfältigkeit im Beruf und hier habe ich sie.« In ihrer Ausbildung wird Lea den Übungsleiterschein machen, bei einem neuen Gesundheitsprojekt in Coesfeld mitarbeiten und mehrere externe Schulungen besuchen. Danach hat sie gute Chancen im Unternehmen zu bleiben, um weiterhin mit Tobias Elis die Beschäftigten fit zu halten.

Ein paar Gebäude weiter steht der drei Jahre ältere Simon Wiebrecht konzentriert im Labor. In dem warmen Raum wird an jeder Ecke gewerkelt. Mit unterschiedlichsten Werkzeugen prüfen die Laboranten an den Tischen Farben und Lacke. Simon testet die Deckkraft eines kräftigen dunkelroten Tons. Mit einem Spatel gibt er Farbe in ein kleines Kästchen. Die verteilt er dann gleichmäßig auf einem Stück Papier. »Sobald die Farbe trocken ist, kann ich die Deckfähigkeit überprüfen«, sagt der angehende Lacklaborant. »Die ersten Tage hab ich mich beim Farbe aufziehen noch vollgeschmiert «, sagt der 22-Jährige und lacht. »Wie man an meinem bunten Kittel gut sehen kann.«

»Mit dem Spatel muss man umgehen können, aber er macht das schon ganz gut«, sagt Marita Jeißig. Sie ist Gruppenleiterin im Prüflabor und seit fast 25 Jahren im Betrieb. »Einmal oder zweimal zeigen, dann selber machen lassen. Die Azubis lernen einfach schneller, wenn sie von Anfang an mitarbeiten.«

Daniel Pilar

Simon Wiebrecht Qualitätskontrolle: Im Labor testet Simon Wiebrecht verschiedene Farben und Lacke auf ihre Deckfähigkeit und ihren Glanz.

Simon kannte einige Verfahren, die hier im Labor angewendet werden, schon von seinem Bachelor-Studium in Chemie. Dass er jetzt bei J. W. Ostendorf gelandet ist, hat einen bestimmten Grund: »Ich komme aus Billerbeck und den Betrieb kenne ich, seit ich ein Kind bin.«Deshalb würde Simon nach seiner Ausbildung gerne hier bleiben.


Wie geht es nach der Ausbildung weiter? Diese Gedanken machen sich wie Simon und Lea auch die rund 12 000 Auszubildenden, die jetzt in den Branchen der IG BCE ins Berufsleben starten. Immer häufiger beschäftigen sich die jungen Leute zu Beginn ihrer Ausbildung mit den Aussichten danach. Laut IG-BCE-Jugendstudie 2013 ist für 96 Prozent der Jugendlichen der wichtigste Aspekt im Beruf die Arbeitsplatzsicherheit. Das Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zeigt jedoch, dass bundesweit nur 66 Prozent aller Azubis übernommen werden.

Die Ungewissheit, wie es nach der Ausbildung weitergeht, wirkt sich ebenfalls auf die Ausbildungszeit aus. Generell gilt: Haben Azubis Übernahmechancen, sind sie mit ihrer Ausbildung laut DGB-Ausbildungsreport viel zufriedener. Diese guten Aussichten hängen nicht nur vom Arbeitgeber ab. In vielen Fällen sind es die Gewerkschaften, die sich für die Auszubildenden im Betrieb starkmachen. »Gute Ausbildung braucht eine starke Mitbestimmung. Betriebsrätinnen und Betriebsräte sowie Jugend- und Auszubildendenvertretungen sorgen für gute und attraktive Ausbildungsbedingungen «, sagt Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE.

Durch Tarifverträge etwa hält die IG BCE faire Bezahlung, Weihnachtsgeld oder Urlaub für die Azubis fest. Auch für zukünftige Auszubildende sind die Tarifverträge wichtig. So bekommen, laut dem neuen Tarifvertrag für die Kautschukindustrie, Unternehmen einen Zuschuss von 5000 Euro, wenn sie Hauptschüler in dreijährigen Ausbildungen anstellen. Gerade diese jungen Leute haben es schwer, einen Ausbildungsplatz zu finden.

Doch nicht nur um den Einstieg in den Beruf kümmert sich die IG BCE, sondern auch um die Übernahme in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis. Wie beim Chemietarifvertrag Anfang des Jahres wurde nun in den Kautschuktarifvertrag die Empfehlung zur unbefristeten Übernahme der Azubis aufgenommen.

Ein fester Job nach der Ausbildung war auch der Grund für Mandy Paleit, sich bei Vibracoustic in Hamburg zu bewerben. Die Firma produziert Antivibrationssysteme zur Reduzierung von Geräuschen und Vibrationen im Automobilbereich. »Eigentlich wollte ich Personaldienstkauffrau werden. Die Arbeitsagentur besorgte mir dazu zwei Einstiegsqualifizierungsmaßnahmen. Gelernt habe ich in der Zeit leider nichts und länger als die von der Arbeitsagentur bezahlte Zeit konnte ich bei keiner Firma bleiben.« Deshalb wollte Mandy etwas anderes machen. Zuerst konnte sie nur über eine Zeitarbeitsfirma bei Vibracoustic arbeiten, jetzt hat sie endlich einen Ausbildungsplatz.

Martin Schlüter

Mandy Paleit Reinigen, Warten, Reparieren: Die Formen aus den Anlagen landen bei Mandy Paleit in der Werkstatt. Nur mit dem Kran kann sie die schweren Teile bewegen.

Mittlerweile kennt sie jede Ecke im Betrieb und überall, wo sie entlanggeht, wird sie begrüßt. Sie ist die einzige Frau in ihrer Schicht, aber das stört sie nicht. »Hier gefällt es mir besser als im Büro. Das Verhältnis unter den Kollegen ist entspannter, auch weil man sich duzen darf.« Mit ihrer Ausbildung ist die 22-Jährige sehr zufrieden. »Vorher stand ich an den Anlagen. Jetzt lerne ich endlich, was in ihnen steckt, wie man sie repariert, reinigt und wartet.«

Die Chance nach der Ausbildung im Unternehmen zu bleiben, steht für Mandy gut. »Bei 99 Prozent der Azubis klappt die Übernahme«, sagt Kemal Kiremitcioglu, stellvertretender Betriebsratsvorsitzender. »Bis jetzt haben wir das ohne Betriebsvereinbarung geschafft und dank des neuen Tarifvertrages wird es auch in Zukunft funktionieren.«

Bei J. W. Ostendorf in Coesfeld gibt es eine Betriebsvereinbarung. »Bei uns werden alle Azubis für zwölf Monate weiterbeschäftigt «, erklärt Betriebsratsvorsitzende Marion Mensing. »Und danach haben wir es fast immer geschafft, alle unbefristet zu übernehmen.« Der Betrieb bildet jedes Jahr zehn bis zwölf neue Azubis aus.

Einer davon ist Pascal Rose. Er macht eine Ausbildung zur Produktionsfachkraft Chemie und wird von Björn Burkhardt eingearbeitet. »Hier müssen wir die Maschine mit Behältern für die Farbe bestücken.« Pascal hört gut zu und packt mit an. »Das ist super, so lernt man viel schneller«, sagt der 22-Jährige. Pascal wusste lange nicht, was er machen soll. Über die Arbeitsagentur hat er die Stelle gefunden. »Das ist das Richtige für mich. Ich freue mich riesig, dass es mit der Bewerbung geklappt hat«, sagt er. Doch seine Pläne sind damit längst nicht zu Ende. Weil er weiß, dass er sehr wahrscheinlich im Betrieb bleiben kann, denkt er darüber nach, wie es für ihn weitergehen kann. Sein Ziel ist es, nach der jetzigen Ausbildung noch die zum Chemikanten zu machen. »Kluge Arbeitgeber geben jungen Leuten eine Perspektive zum Beispiel durch unbefristete Übernahme und Qualifizierung und beugen damit der demografischen Entwicklung in den Unternehmen vor«, sagt Edeltraud Glänzer.

Daniel Pilar

Pascal Rose Wo die Farbe herkommt: In der Produktion befüllt Pascal Rose  eine Maschine mit Plastikbehältern.

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