Migration

Einwanderungsland Deutschland

Migration, Integration, Zuwanderung – es gibt wenige Themen, die in Deutschland so aktuell sind. Denn seit mehr als 200 Jahren kommen Menschen in das Gebiet des heutigen Deutschlands. Mittlerweile liegt die Zahl von Menschen mit nicht deutscher Staatsangehörigkeit bei rund 8,2 Millionen. Seit Einführung des Ausländerzentralregisters 1967 ist das die höchste in Deutschland je gemessene Zahl.

Nicolas Herrbach/ iStock

Einwanderung April 2015
31.03.2015
  • Von: Désirée Binder

Noch 1991 erklärte der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl: »Deutschland ist kein Einwanderungsland. « Doch schon damals hätte klar sein müssen, dass das nicht stimmt. Denn die Arbeit führte Menschen seit Jahrhunderten zu uns. Nach der Reichsgründung 1871 beispielsweise zogen hunderttausende Menschen aus den preußischen Gebieten des ehemaligen Polen ins Ruhrgebiet. Die Industrialisierung im Westen lockte mit guten Lebensperspektiven. Ein Haus in einer Zechensiedlung und die Möglichkeit, gutes Geld zu verdienen, führte die Menschen her. Der Ruhrbergbau benötigte die Kumpel aus dem Ausland. Viele der damaligen Bergmänner kamen, wollten Geld verdienen und möglichst schnell in die Heimat zurück. Einige sind aber geblieben und Namen wie Podolski, Schimanski und Sikorski sind im Ruhrgebiet heute keine Seltenheit.

Die Anwerbung von Arbeitskräften blieb weiterhin wichtig für Deutschland. Das Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit versprach viel Arbeit, weshalb die damals Gastarbeiter genannten Menschen aus den Mittelmeerländern angelockt wurden. Am 10. September 1964 kam so auch Armando Rodrigues de Sá nach Deutschland. Er war der millionste Gastarbeiter und bekam dafür ein Moped überreicht. Geplant war, dass die ausländischen Kollegen nur vorübergehend in der Bundesrepublik bleiben, doch viele von ihnen haben eine neue Heimat gefunden und bilden hier bis heute eine der größten Gruppen von Menschen mit Migrationshintergrund.

Trotz der langen Einwanderungsgeschichte, gab es heftige Debatten über Zuwanderung und Integration. Bis Anfang 2005 der Bundestag das Zuwanderungsgesetz (Gesetz zur Steuerung und Begrenzung der Zuwanderung und zur Regelung des Aufenthalts und der Integration von Unionsbürgern und Ausländern) verabschiedete und damit der Konsens erzielt wurde, dass Deutschland de facto ein Einwanderungsland ist. »Die neue Regelung ist Ausdruck der Erkenntnis, dass es in Deutschland seit vielen Jahren Zuwanderung gibt und auch in Zukunft geben wird«, sagte der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD). »Das Gesetz ist vor allem ein Gewinn für unser Land, für Deutschland.« Das, was 2005 als Konsens festgehalten wurde, ist heute noch Realität. So rechnet das Statistische Bundesamt mit einem Plus von rund 470 000 Einwanderer im vergangenen Jahr 2014.

Gekommen um zu bleiben

Trotzdem sinkt die Zahl der Bevölkerung auf unserem Gebiet, vor allem im erwerbsfähigen Alter, immer weiter. Das liegt vor allem am demografischen Wandel, es sterben mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Heute sind fast 50 Millionen im erwerbsfähigen Alter, doch schon 2030 werden es rund 10 Millionen weniger sein. Diese Menschen fehlen dann nicht nur in den Betrieben, sie zahlen nicht mehr in die Sozialkassen ein und auch keine Lohnsteuer. Und laut Max-Planck-Institut für demografische Forschung Rostock ist in dieser Rechnung schon ein Plus von 200 000 Einwanderer mitgezählt. Um die Einwohnerzahl bei 82 Millionen zu halten, müsste es fünf Jahrzehnte lang ein Plus von 350 000 Einwanderern geben.

Einwanderung ist also aus vielen Gründen wichtig. Doch stattdessen wird der Blick allzu gerne auf die sogenannte Armutszuwanderung gelenkt, etwa von der CSU: »Wir wollen keine Zuwanderung in unsere Sozialsysteme«. Natürlich gibt es Menschen, die aus nackter Not aus ihrer Heimat auswandern – allerdings kaum, um hierzulande von Sozialhilfe zu leben. Tatsächlich ist der Großteil der Zuwanderer nicht etwa auf Dauer bedürftig, sondern gut ausgebildet und rasch in der Lage, den eigenen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. »Von einer Armutszuwanderung als Massenphänomen kann keine Rede sein«, sagen die Forscher des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Seit 2005 liegt der Akademikeranteil unter den Einwanderern im Schnitt über dem entsprechenden Anteil der Deutschen, egal, aus welchen Regionen die Menschen kommen. Denn gerade gut qualifizierte junge Leute sind bereit, sich in anderen Ländern Jobs zu suchen, vor allem innerhalb der Grenzen Europas. Die in der EU geltende Freizügigkeit ermöglicht es allen Europäern in allen europäischen Ländern zu wohnen und zu arbeiten. Aber sind die Regelungen des Zuwanderungsgesetzes von 2005 auch ausreichend für den Zuzug von Menschen außerhalb Europas? Nein, meinen sowohl die Oppositionsparteien als auch die SPD und Teile des Koalitionspartners CDU. Sie wollen unter anderem mit einem neuen Punktesystem Einwanderung gezielter steuern.

Ob in der Politik, der Kultur oder im Sport – Zuwanderer bereichern das Leben in der Bundesrepublik. Die Fußballnationalmannschaft ist ein schönes Beispiel. Mit Mesut Özil, Semi Khedira, Lukas Podolski und Miroslav Klose ist Deutschland Weltmeister geworden. Und mit Schauspielern wie Elyas M‘Barek (Fack ju Göthe) oder der jungen iranischen Komikerin Enissa Amani wird unser kulturelles Leben bereichert. Auch die IG BCE ist bunt. Rund 47 000 Mitglieder haben eine andere Staatsbürgerschaft, etliche mehr einen Migrationshintergrund. Den größten Anteil stellen dabei die Türken. Rund 22 000 sind in der Gewerkschaft organisiert. Danach folgen Italiener (4143) und Griechen (2194). In rund 100 Ländern liegen die Wurzeln der Mitglieder, so zum Beispiel in Peru (4), Ägypten (10), Nigeria (43), China (14) oder im nahen Frankreich (1142) und in Israel (4).

Doch nicht für alle ist es so einfach, sich hier einzuleben. Vor allem im Bildungswesen gibt es Schwierigkeiten. So hatten 2010 rund 13 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund keinen Schulabschluss. Laut Bundesministerium für Bildung und Forschung sind das doppelt so viele als bei deutschen Jugendlichen. Auch bei den Berufsausbildungen schneiden Migranten schlechter ab.

»Das ist wirklich ein Problem. Denn wenn Integration gelingen soll, muss sie in der Schule beginnen«, sagt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der IG BCE. »Der Punkt ist, wenn wir uns mit den Problemen beschäftigten und Chancen bieten, greifen die jungen Leute zu. Das zeigen die guten Erfahrungen, die wir mit dem Förderprogramm ›Start in den Beruf‹ in den Betrieben machen.« Da müsse im gemeinsamen Ausbildungspakt von Gewerkschaften, Arbeitgebern und Regierung noch einiges getan werden. »Zuwanderung, Ausbildung, Integration – das ergibt eine Antwort auf den demografischen Wandel. Und es ist auch die richtige Antwort auf fremdenfeindliche Tendenzen.«

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