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20.07.2015

Von: Wolfgang Lenders

Branchenforum Chemie 2015

IG BCE plant Kompetenzteam für China

Welche Möglichkeiten haben Arbeitnehmervertreter aus Deutschland, sich für die Rechte der Beschäftigten in der Chemieindustrie in China einzusetzen? Darum ging es beim Branchenforum Chemie 2015 am 1. und 2. Juli in Berlin. "Wir müssen ein Kompetenzteam aufbauen, unseren Freunden dort helfen", sagte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. 

Gero Breloer

Michael Vassiliadis auf dem Branchenforum Chemie 2015

Beschäftigte müssen weltweit zusammenhalten, Wettbewerb auf Kosten von Arbeitsbedingungen, Sicherheit und angemessener Bezahlung darf es nicht geben. Das war eine der Kernforderungen bei dem Treffen. Doch wie lässt sich dieser Zusammenhalt erreichen – dazu beschäftigten sich die rund 60 Teilnehmer der Konferenz mit einer Reihe von Fragen: Welche Form der Zusammenarbeit gibt es jetzt schon? Wo soll es in Zukunft hingehen? Und werden geeignete Partner, mit denen Betriebsräte und Gewerkschaftsvertreter aus Deutschland in China zusammenarbeiten können?

"Wir brauchen interkulturelle Kompetenz", sagte der IG BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis. Wichtiger Faktor in China sei, dass es vielen Menschen dort heute besser gehe als früher. Trotzdem sei es nach wie vor ein „Land unter Spannung“. Der erste Schritt: China kennenlernen.

Gero Breloer

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Branchenforum Chemie 2015 in Berlin. Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Branchenforum Chemie 2015 in Berlin.
In der chemischen Industrie in China wurde in den letzten Jahren unheimlich viel investiert. Allein in den Betrieben deutscher Unternehmen arbeiten zurzeit rund 42.000 Beschäftigte. Inzwischen ist das Land größter Chemie-Produktionsstandort der Welt. Doch China ist auch ein gigantischer Verbraucher, in der Summe ist das Land ein Nettoimporteur von Chemieprodukten.

Ein neuer Trend in der Branche: Auch Forschung- und Entwicklungskapazitäten werden nach China verlagert – "in ein Land, in dem die Rechte am geistigen Eigentum flexibel gehandhabt werden", so Vassiliadis. “Es gibt viele Gründe sich zu fragen, ob das eine kluge Idee ist.“

Wie kann Kontakt von Arbeitnehmervertretern nach China aussehen? Ein großes Problem ist für viele von ihnen, dass sie es in China mit den Strukturen eines politischen Systems zu tun haben, das nicht unseren demokratischen Standards entspricht. Wer sind da die richtigen Ansprechpartner? Es gibt den All-Chinesischen Gewerkschaftsbund (ACGB), der aber von vielen Beschäftigten mehr als Organ des Staates denn als Interessensvertretung wahrgenommen wird. Und es gibt Strukturen innerhalb einzelner - in der Regel multinationaler - Unternehmen, die teilweise an das in Deutschland übliche System erinnern.

Die Chance, ein dem deutschen Modell der Sozialpartnerschaft ähnliches System in China zu etablieren, schätzt Vassiliadis als gut ein. „Die Chinesen sind sehr auf der Suche nach einem geeigneten Modell für Sozialpartnerschaften“, sagte er. "Interesse und Neugierde an unserem System sind groß.“ Wichtig sei es für die europäischen Gewerkschaften, den Beitrag dieses Modells zum unternehmerischen Erfolg zu vermitteln: “Gute Arbeit braucht Respekt, Fairness und Vertrauen.“

Einige Betriebsräte aus Deutschland haben bereits intensiven Kontakt mit den Kollegen in den Werken ihres Konzerns in China. Oliver Zühlke zum Beispiel, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats bei der Bayer AG. Er berichtete über den Stand der Mitbestimmung in den Betrieben von Bayer in China. 96 Prozent der Mitarbeiter in China seien organisiert, nach deutschen Maßstäben ein traumhafter Wert.

Bereits im Jahr 2009 wählten die Mitarbeiter in den chinesischen Werken Betriebsräte, und es gab eine erste Verabredung zur Zusammenarbeit. Es sollte noch zwei Jahre dauern, bis 2011, im ersten Kontakt zwischen den deutschen und den chinesischen Betriebsräten kam. “Wir haben nach wie vor engen Kontakt", sagte Zühlke. Man tausche sich über E-Mail aus und im persönlichen Gespräch. „Man versteht sich dort mehr und mehr als jemand, der etwas aus der Belegschaft in Richtung Management bringt.“

Gero Breloer

Oliver Zühlke, Gesamtbetriebsratsvorsitzender Bayer AG auf dem Branchenforum Chemie 2015. Oliver Zühlke, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats bei der Bayer AG
Durch die Zusammenarbeit bekommen die Betriebsräte in Deutschland etwas von den Sorgen und Ängsten der Kollegen in China mit. So sehen es laut Zühlke viele mit Sorgen, dass Bayer die Investitionen in China verlangsamt hat.

So banal das klingen mag: Zusammenarbeit beginnt auf der persönlichen, der zwischenmenschlichen Ebene. Und so riet ein Teilnehmer der Konferenz, der selbst bereits in Shanghai war, den Gesprächspartnern in China nicht mit Arroganz entgegenzutreten. Vielmehr gelte es, ein Gefühl für die lokalen Gepflogenheiten zu bekommen: “Übt bitte vorher, mit Stäbchen zu essen!”