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24.09.2015

Von: Bernd Kupilas

Ein Jahr im Amt

"Wir können was bewegen"

Aufregende Aufgabe, schöne Erfolge: Was treibt Kolleginnen und Kollegen an, die sich im vergangenen Jahr erstmals zum Betriebsrat wählen ließen? Wir haben bei einigen Betriebsräten nachgefragt.

Frank Rogner

Viktoria Jäckel "Gerade in einer Abteilung mit vielen Angestellten gibt es ja viele, die meinen, sie kämen auch ohne Betriebsrat zurecht." Umso größer war das Erfolgserlebnis für Betriebsrätin Viktoria Jäckel, dass sie das Eis brechen konnte.

"Als Betriebsratsvorsitzender muss man ja ein halber Rechtsanwalt sein."

Viktoria Jäckel ist ein freundlicher und offener Mensch. Sie redet gerne mit ihren Kolleginnen und Kollegen. Das hilft ungemein, hat sie gemerkt, gerade in ihrer neuen Funktion als Betriebsratsmitglied. "Seit ich in meiner Abteilung als Betriebsrätin unterwegs bin, kommen die Leute auf uns zu und reden über ihre Probleme." Das ist an ihrem Arbeitsplatz, der Verwaltung von Kronos Titan in Leverkusen, keine Selbstverständlichkeit. "Gerade in so einer Abteilung mit vielen Angestellten gibt es ja viele, die meinen, sie kämen auch ohne Betriebsrat zurecht." Umso größer das Erfolgserlebnis für Viktoria, dass sie das Eis brechen konnte. "Offenheit braucht man, gar keine Frage", sagt sie.

Seit gut einem Jahr ist sie im Amt, da fühlt sich alles noch sehr neu an. "Und das Betriebsverfassungsgesetz kann ich auch noch nicht auswendig", sagt sie lachend. Zum Glück gibt es die alten Hasen im Betriebsrat, an die sie sich gerade mit kniffligen, rechtlichen Fragen wenden kann. Vor denen zieht sie den Hut. "Als Betriebsratsvorsitzender muss man ja ein halber Rechtsanwalt sein. Da habe ich Hochachtung vor."

Die 32-Jährige war zuvor Vertrauensfrau der IG BCE, außerdem ist sie schon lange in der SPD politisch aktiv. Da lag es nahe, sich auch in Gewerkschaft und Betriebsrat zu engagieren. Was sie sich wünschen würde? "Mehr engagierte Frauen."

Vom JAVi zum Betriebsrat

Für Daniele Gioco war die Kandidatur zur Betriebsratswahl ein logischer Schritt. Der 29-Jährige war zuvor sechs Jahre lang in der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) bei der Bayer AG im Werk Leverkusen aktiv. "Da habe ich Blut geleckt", sagt er. "Es bereitet mir einfach Freude, den Kollegen direkt helfen zu können." Ein gutes Gefühl war das, als junger Mensch mit den Ausbildern auf Augenhöhe reden zu. Das Engagement für andere will er auch in seinen weiteren Berufsleben  nicht missen. Jüngst ist er in den Betriebsrat nachgerückt. "Jetzt suche ich mir ein Sachgebiet, in das ich mich einarbeiten werde."

Frank Rogner

Daniele Gioco Für Daniele Gioco war die Kandidatur zur Betriebsratswahl ein logischer Schritt. Der 29-Jährige war zuvor sechs Jahre lang in der Jugend- und Auszubildendenvertretung bei der Bayer AG in Leverkusen aktiv.

IG BCE ist "die Betriebsräte-Gewerkschaft"

Die IG BCE unterstützt erstmals gewählte Betriebsräte mit Seminarangeboten und hilft dabei, Netzwerke zu bilden. So wie im Bezirk Nordrhein, wo jetzt 40 erstmals gewählte Betriebsräte sich zum Austausch trafen - und mit dem IG BCE-Vorsitzenden Michael Vassiliadis diskutierten.

"Wir sind die Betriebsräte-Gewerkschaft", erklärt Vassiliadis. Was er damit meint: Schon früh hat die IG BCE eine vernünftige Aufgabenverteilung zwischen Betriebräten und Gewerkschaft gefunden. Denn letztlich spielt ein Betriebsrat eine andere Rolle als eine Gewerkschaft - er darf und wird auch von nicht organisierten Beschäftigten gewählt. Die Gewerkschaft wiederum kann nicht nur einen einzelnen Betrieb und deren Arbeitnehmer im Blick haben, sondern eine ganze Branche zum Wohle aller in ihr Beschäftigten. Andererseits können diese unterschiedlichen Aufgaben nicht gegeneinander wahrgenommen werden, sondern nur miteinander. Die IG BCE habe zig Tarifverträge geschaffen, in denen sie die konkrete Ausgestaltung den Betriebsräten übertragen habe, betont Vassiliadis. Umgekehrt warnt er davor, sich als Betriebsrat auf das Klein-Klein der täglichen Arbeit im Betrieb beschränken zu lassen, nach dem Motto: Die Welt um uns herum - die lassen wir mal schön draußen. "Betriebsrat sein - das ist eine politische Aufgabe", sagt der IG BCE-Vorsitzende.

Auseinandersetzung um die Energiepolitik bestimmen den Alltag

Wie politisch diese Aufgabe bisweilen ist, davon kann Jürgen Linges, Betriebsrat bei RWE Power im Tagebau Garzweiler, ein Lied singen. Die Politik spielt sich bisweilen direkt an seinem Arbeitsplatz ab. Etwa jüngst, als Demonstranten den Tagebau Garzweiler stürmten, um gegen die Braunkohle zu protestieren. "Das waren Szenen wie im Kino", erzählt der 50-Jährige, "überall war Polizei, und Hubschrauber kreisten über dem Gelände."

Frank Rogner

Jürgen Linges Jürgen Linges persönliches Erfolgserlebnis im ersten Jahr als Betriebsrat: die große Demonstration in Berlin, die die IG BCE gemeinsam mit betroffenen Betriebsräten organisierte. "Da merkt man, dass wir gemeinsam einiges erreichen können."
Der Vorfall zeigt: "Die Auseinandersetzung um die Energiepolitik wird sehr ideologisch geführt", sagt Jürgen. "Wir werden hier als Bergleute an den Pranger gestellt." Viele Menschen könnten sich gar nicht vorstellen, wie sehr das die Kolleginnen und Kollegen in den Betrieben belaste. Sein persönliches Erfolgserlebnis im ersten Jahr als Betriebsrat war deshalb die große Demonstration in Berlin, die die IG BCE gemeinsam mit betroffenen Betriebsräten organisierte. "Da merkt man, dass wir gemeinsam einiges erreichen können."