Berufliche Bildung

Berufsschulen in Bedrängnis

Bröckelnde Infrastruktur und zu wenig Lehrer – die Liste von Problemen bei den Berufsschulen ließe sich noch länger so fortsetzen. An allen Ecken und Enden fehlt es an Investitionen.

Helge Krückeberg

Leider die Ausnahme: Die Schüler des Berufsschullehrers Philipp Warnath fühlen sich gut vorbereitet Leider die Ausnahme: Die Schüler des Berufsschullehrers Philipp Warnath fühlen sich gut vorbereitet
31.08.2016
  • Von: Alexander Reupke
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Die Fenster schließen nicht richtig, im Winter ist es eiskalt, in der Decke klaffen große Löcher. Die Paul-Ehrlich-Schule in Frankfurt am Main ist dringend sanierungsbedürftig. Die Stadt schätzt die Kosten dafür auf rund 60 Millionen Euro. Doch bislang warten die 1800 Schüler vergeblich auf Verbesserungen. Dabei ist die Berufsschule die größte Schule für den naturwissenschaftlich-technischen Bereich in Hessen.

"Es sind nicht nur die baulichen Mängel, auch das Laborequipment ist stark veraltet", sagt Vanessa Pruß, Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) bei Sanofi-Aventis in Frankfurt.

Sehr viele Auszubildende von Sanofi besuchen die Paul-Ehrlich-Schule. Deshalb setzt sich die JAV seit zehn Jahren zusammen mit dem IG-BCE-Bezirk Rhein-Main für Investitionen in die Schule ein. Erst jetzt tut sich etwas – zumindest auf dem Papier: Die neu gewählte Koalition aus CDU, SPD und Grünen, die die Mehrheit in der Frankfurter Stadtverordnetenversammlung stellt, bekräftigt im Koalitionsvertrag, die Sanierung der Schule angehen zu wollen.

Die Zustände an der Paul-Ehrlich-Schule sind beileibe kein Einzelfall: 1,34 Milliarden Euro Investitionsbedarf sind nötig, um die Ausstattung aller beruflichen Schulen in Deutschland zu verbessern. Das ergab eine aktuelle Studie der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Für den Unterhalt der Schulen sind die Landkreise oder Städte verantwortlich. Einige haben die Zeichen der Zeit erkannt: Der niedersächsische Landkreis Diepholz etwa investiert rund 11 Millionen Euro in einen Neubau für das Berufsbildungszentrum Dr. Jürgen Ulderup am Standort Sulingen. Ein Teil des alten aus den 1960er-Jahren stammenden Schulgebäudes wurde bereits abgerissen. Das neue Gebäude befindet sich derzeit im Bau; dort sollen die etwa 700 Schüler bereits im Sommer 2017 einziehen.

Auch die Klasse des Berufsschullehrers Philipp Warnath wechselt im kommenden Jahr in den Neubau. "Die Arbeit mit meinen Schülern begeistert mich", sagt Warnath. Der 36-Jährige gestaltet seinen Unterricht abwechslungsreich. Seine Schüler, Auszubildende zum Schuhfertiger, fühlen sich auch gut vorbereitet.

Doch bundesweit sind die Auszubildenden zunehmend unzufrieden mit der Qualität des Berufsschulunterrichts. Fanden im Jahr 2009 noch 66,5 Prozent die fachliche Qualität des Berufsschulunterrichts gut oder sehr gut, waren es 2015 nur noch 55,5 Prozent. Das geht aus dem DGB-Ausbildungsbericht 2015 hervor.

"Es ist kein Wunder, dass die Azubis unzufrieden sind, schließlich sind die Berufsschulen dauerhaft unterfinanziert", sagt Edeltraud Glänzer, stellvertretende Vorsitzende der IG BCE. "Wir brauchen dringend mehr Investitionen, um unser weltweit anerkanntes duales Ausbildungssystem zu erhalten und zu stärken."

In den Berufsschulen, an denen die Ausstattung nicht auf dem notwendigen aktuellen Stand ist, beurteilen 49 Prozent der Auszubildenden die fachliche Qualität nur als ausreichend oder mangelhaft. Das ist das Ergebnis des DGB-Ausbildungsreports 2012, indem sich die Autoren schwerpunktmäßig mit dem Thema Berufsschule beschäftigt hatten.

Ein anderes Problem ist der Lehrermangel – insbesondere in den ostdeutschen Bundesländern einschließlich Berlin. So werden im Jahr 2023 rund 330 Lehrer an den Berufsschulen fehlen. Denn in den kommenden zehn Jahren wird es im Schnitt 200 Bewerber pro Jahr zu wenig geben, um den Bedarf an Berufsschullehrern zu decken. Das prognostizierte die Kultusministerkonferenz im vergangenen Jahr.

Große Defizite gibt es außerdem in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Ein Beispiel: In Nordrhein-Westfalen gehen bis 2020 voraussichtlich jedes Jahr 25 Berufsschullehrkräfte in Pension, während nur 14 Lehrer ausgebildet werden. "Die Politik ist gefordert, diesen Mangel schnellstmöglich zu beheben", sagt Edeltraud Glänzer. "Sonst bekommt unser Ausbildungssystem eine gefährliche Schieflage. Wir brauchen diese Qualifikationen gerade für unsere Branchen."

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